Neue Geschäftsmodelle für neue Zeiten

SwissQ-Gründer Adrian Zwingli zeigt die Verschiebung vom traditionellen ins digitale Business.

 
Wie lässt sich mit IoT, AR oder Blockchain Geld verdienen? Branchengrössen trafen sich am dritten Inside Channels Forum in Aarau.
 
"'Digitale Transformation' und 'Agilität' – zwei Buzz-Wörter, die man bereits nicht mehr hören mag; Unworte des Jahres." So eröffnete Adrian Zwingli, SwissQ, seine Session und damit das gestrige Inside Channels Forum in Aarau.
 
Aber das digitale Business verdrängt das traditionelle Geschäft. Neue, digitale Unternehmen würden sich genau dort das Business herausnehmen, wo es etwas zu holen gebe. Den etablierten Unternehmen bleibe eine "ausgefranste Wertschöpfungskette", wie Zwingli es nennt. Übrig blieben Bereiche mit geringen Margen. Es seien hier nur Booking vs. Kuoni genannt, oder Uber und AirBnB – zwei Unternehmen, die jeweils eine ganze Brache disruptierten.
 
Deshalb sei Agilität so wichtig. Die Argumente, "wir haben über Jahre viel in unser Unternehmen investiert, unsere Systeme sind hoch komplex", würden nicht mehr gelten. Es brauche neue Organisationsformen, neue Geschäftsmodelle – und vielleicht auch neue Mitarbeitende, so Zwingli.
 
Genau dies war das Thema des dritten Inside Channels Forum: "Neue Geschäftsmodelle für neue Zeiten". Über 250 Besucher waren in Aarau anwesend, um zu erfahren, wie sich der Schweizer ICT-Markt 2018 entwickelt, in welche neuen Geschäfts-Felder sich die Mitbewerber wagen und was der CIO des Kantons Aarau sich wünscht. (kjo)
 
Alle Bilder: Klaus Rózsa

Kein neues Geschäftsmodell aber wertvolle Hilfe, wenn es um den Verkauf der Firma geht, lieferte Marcel Jans, BDO. Er erklärte dem Publikum, dass eine hohe Profitabilität und stille Reserven für einen Firmenverkauf nicht zwingend positiv sind. "Unternehmen glauben häufig, stille Reserven seien gut, doch handelt es sich hier schlicht um einen Buchwert. Stille Reserven heissen ausserdem, dass in der Vergangenheit Steuern gespart wurden. Dies wird Ihnen ein Käufer vom Preis abziehen", führt Jans aus.

Als IT-Einkäufer einer Behörde stand der CIO des Kantons Aargau Fritz A. Zanzerl auf der Bühne. Für ihn passiere die Digitalisierung der Verwaltung nicht nur im Rahmen der E-Government-Strategie, sondern sie könne auch ein Standortvorteil für den Kanton sein. Werde der Unterschied der Digitalisierung zwischen Staat und Privatwirtschaft zu gross, könnte es schwer werden, Talente zu finden.

 
Insgesamt habe der Kanton 500 Leistungsprozesse identifiziert, die digitalisiert werden könnten. Wie auch in der Privatwirtschaft gehe es aber häufig auch um ein Prozessmanagement. "Relikte aus der analogen Welt sind ungeeignet für die Digitalisierung", so Zanzerl. Für die Bewohner sei es wichtig, dass die Anwendungen ohne Medienbruch benützt werden können. So lässt es Zanzerl auch nicht aus, zu betonen, wie wichtig das E-ID-Gesetz sei. "Vielleicht hätte dies auch schneller gehen können."

Luis Delgado, Codit Switzerland, zeigte auf, wie sich im IoT-Bereich Geld verdienen lässt. "Sie haben einzigartige Daten, die sonst niemand hat", sagte er den Zuhörern. Die Frage sei, ob es jemanden gebe, der bereit wäre, für diese Daten Geld zu bezahlen. Allen, die sich in den IoT-Bereich vorwagen möchten, rät Delgado zu einem schnellen Proof of Concept. Time to Market von mehr als einem Jahr, sei klar zu lang.

Mit Augmented und Virtual Reality wagt sich Netcetera in ein neues Geschäftsfeld. Wie die Zürcher Softwareschmiede mit Innovation umgeht, erklärte Rafael Perez Süess. Man sei in der Wachstumsphase im AR- und VR-Bereich; Es gebe einen Go-to-Market-Plan. Vor allem wird gemeinsam mit Kunden erprobt, wie sich die Wertschöpfung entwickle.

 
In den vergangenen Monaten zeigte Netcetera bereits einige Anwendungsfälle von AR, so etwa im Luzerner Verkehrshaus. Gestern zeigte Perez Süess dem Publikum, wie sich Chirurgen des Inselspitals Bern mit AR-Modellen auf Operationen vorbereiten können.
 
"Wird da was draus – wir wissen es noch nicht", so Perez Süess.

Nicht ein neuartiges Geschäftsmodell aber eine neue Firmenkultur stellte Rolf Tillmanns von Isolutions vor. "Unsere Firmenkultur macht uns aus". Man lebe Neugierde, eine offene Fehlerkultur und Kreativität. Die Firmenkultur könne Innovations- und Wachstumsmotor sein.

Neues Business für Netcloud kam aus dem internationalen Markt. In einem Kurzvortrag erörterte Reto Schilt-Lu die Herausforderungen von Projekten in China oder den USA. Ohne lokale Partner, hätten wird das nicht geschafft, so sein Tipp an die Zuhörer.

"Das Netzwerk ist der neue Sales", glaubt Daniel Jäggli von Leuchter IT Solutions. Deshalb habe sich Leuchter mit gut 20 weiteren Microsoft-Partnern zusammengeschlossen, die alle unterschiedliches Know-how mitbringen. In der Kooperation dig:it now wolle man Schweizer Unternehmen in der digitalen Transformation begleiten. Da man als Netzwerk agiere, verschwinde der Sales-Aufwand. "Denn wir werden von den anderen in die Projekte geholt", so Jäggli.

Mit Blockchain-Unternehmen und -Projekten sei das Crypto Valley in Zug auf die Weltkarte gekommen, so Daniel Rutishauser von Inacta. In seinem Kurzvortrag erklärte er, wie sich Inacta von einem ECM-Anbieter zu einem Blockchain-Unternehmen gewandelt hat. Zug sei hier ein klarer Standortvorteil. Die Stadt habe kurze Entscheidungswege und das Ökosystem habe sich entsprechend schnell etabliert. "Im Crypto Valley geht die Post ab", so sein Fazit.

Bevor die Besucher im abschliessenden Apero mit Berner Köstlichkeiten und dem eigens für das Forum gebrauten Channel-IPA verwöhnt wurden, präsentierte Philipp A. Ziegler, MSM Research, die Zahlen des Schweizer ICT-Markts 2018. Im laufenden Jahr erwartet er einen Umsatz im Schweizer-B2B-ICT-Markt von fast 18 Milliarden Franken.

 
62 Prozent dieses Umsatzes stammen aus Services, ein Bereich der stark wachsen werde, wie Ziegler betont. Und so erinnert er das Publikum an den Wechsel von On-Premise-Lösungen und Lizenzvertrieb zu Multi-Cloud, SaaS oder hybriden Umgebungen. Aber auch Investitionen in mobile Lösungen, ERP oder auch Security würden bei Unternehmen zuoberst auf der Prioritätenliste stehen. Nicht zu vergessen sei hierbei, dass viele IT-Projekte aus den Fachabteilungen angestossen werden, etwa aus der HR-Abteilung. (kjo)