New Business: Startup-Feeling beim Grossdistributor

Wie Also mit Lean-Management-Methoden neue Geschäftsfelder aufbaut. Und was es mit den Entlassungen im letzten Herbst auf sich hat.
 
Distributoren sind einerseits Logistiker und andererseits Finanzdienstleister. Und weil die Grösse eine wichtige Rolle spielt, sind Distributoren typischerweise prozessgetriebene Grossfirmen und als solche mit Tankern vergleichbar. Sie haben lange Bremswege und sind wenig beweglich. In Zeiten, in den sich Geschäftsmodelle rasch ändern, ist das gefährlich.
 
Ein Distributor muss sich deshalb zu einer Firma mit "zwei Geschwindigkeiten" entwickeln. Er muss einerseits von Automatisierung, Skaleneffekten und bis auf den letzten Zehntelsrappen optimierten Prozessen profitieren und andererseits trotzdem rasch neue Geschäftsmodelle entwickeln können. Also Schweiz versucht genau dies. Um neue Geschäftsfelder anzugehen, bildet man bei Also Schweiz kleine Teams, die sich mit Methoden aus dem Lean-Management wie kleine, bewegliche Startups verhalten sollen.
 
Giulio Poli, der bei Also Schweiz als Head of Project Management die Einführung von Lean-Management-Methoden von Anfang an begleitet hat, empfing zusammen mit Also-Schweiz-Manager Tom Brunner den Reporter von inside-channels.ch zu einem Hintergrundgespräch.
 
Mitarbeitende zu "Expeditionen" eingeladen
Brunner: "Früher haben wir Business-Pläne geschrieben. Da waren wir gut darin. Doch um rasch neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, muss man anders vorgehen. Wir brauchen Raum statt Regeln."
 
Zusammen mit einem Dozenten der Hochschule Luzern hat Also die "Also Methodik" entwickelt und für Mitarbeitende in einem dicken Ordner festgehalten. Herausgekommen ist eine für den Distributor wie auch für die Mitarbeitenden völlig neue Vorgehensweise.
 
Potentielle neue Geschäftsfelder wurden auf Flipcharts beschrieben und als "Expeditionen" im Also-Restaurant in kurzen Präsentationen vorgestellt. Jeder Also-Mitarbeiter konnte sich dann als Expeditionsteilnehmer bewerben. Brunner: "Früher hätte man typischerweise eine Datenbank mit den Skills aller Mitarbeitenden aufgebaut und die "passenden" Leute dann angefragt, ob sie in einem Projekt mitarbeiten wollen. Heute sollen die Leute selbst sagen, wenn sie an einer "Expedition" teilnehmen wollen. Niemand muss mitmachen, wir schauen aber darauf, dass niemand bei zu vielen "Startups" mitmacht. Es gibt keine Projektleiter, sondern "Captains". Diese sind in "lean startup"-Methoden ausgebildet.
 
"Wir wollen uns nicht drei Monate in einem Büro verkriechen und einen Business-Plan schreiben, sondern die Teilnehmer einer "Expedition" sollen die Logik des Geschäfts verstehen. Sie sollen motiviert sein und Unternehmergeist haben und bilden so ein Startup innerhalb des Grossunternehmens", sagt Poli, der selbst als Pionier mit der ersten "Expedition" gestartet ist.
 
Alsos "Expeditionen" gehen nicht wie klassische Projektgruppen vor. Man arbeitet mit Methoden wie "Business Canvas", eruiert die "pains" der Kunden und holt sich rasch und immer wieder Feedbacks von diesen. So wie man heute auch Software entwickelt, nämlich in Iterationen, entwickeln die "Expeditionen" Produkte, die rasch im Markt getestet werden.
 
smartgo, myDeliveryKMU, ...
Also experimentiert nicht nur mit neuen Geschäftsmodellen, sondern die "Expeditionen" haben bereits ganz konkrete Produkte entwickelt. So führt Also in Luzern den Handy-Reparaturladen smartgo. Bei smartgo kann man Handys sofort reparieren oder einrichten lassen, Ersatzhandys mieten und vieles mehr.
 
Ein weiteres neues Produkt ist myDeliveryKMU. Online-Händler können ihren Kunden den Service und die App unter eigenem Namen anbieten. Mit der App kann man bestimmen, wohin und wann ein Produkt geliefert werden soll, die Lieferung nachverfolgen und einiges mehr.
 
Das Vorgehen bei der Entwicklung von myDeliveryKMU ist typisch für "Lean Startups". Man hat erstmals nur die Funktionen entwickelt, die der erste Kunde wollte und ging rasch produktiv. Nun werden Funktionen hinzugefügt und das Netz von Abholstellen wird ausgebaut.
 
Und die Entlassungen im Herbst?
Es wäre seltsam, mit Also-Managern ein Gespräch über neue Geschäfts- aber auch Arbeitsmodelle zu führen, ohne nach den Entlassungen vom letzten Herbst zu fragen. Hat Also im Herbst systematisch ältere Mitarbeitende entlassen? Und gar die Entlassungen in kleinen Portionen durchgeführt, um die Vorschriften für Massenentlassungen zu umgehen, wie man in der Branche da und dort munkelte.
 
Tom Brunner bestätigt, dass letztes Jahr Stellen in verschiedenen Bereichen des Distributors abgebaut worden sind. Er bestreitet aber ausdrücklich, dass es um eine Massenentlassung ging oder dass es einen Stellenabbau in Wellen gegeben habe . Und den Vorwurf, Also tausche systematisch ältere Mitarbeitende durch jüngere aus, weist er von sich.
 
Und weiterhin: "3S und MORE"
Man muss es dem Also-Konzern lassen. Seit Gustavo Möller-Hergt 2011 die Macht übernommen hat, sind die Schlagworte gleich geblieben. Man spricht von "3S" und "MORE". "3S" steht für die Geschäftsfelder, in denen der Konzern mit wechselndem Gewicht unterwegs ist: Supply, Solutions und Services. Daran ändert sich nichts, so Brunner. Auch von "MORE" spricht man weiterhin. Der Kürzel steht für Maintain, Optimize, Reinvent und Enhance.
 
Es gehe also keineswegs um eine neue Strategie, sondern darum, die Gewichtung der Geschäftsmodelle immer wieder anzupassen, sagt Brunner. Also arbeite dauernd daran, den besten Mix von Geschäftsmodellen, Produkt- und Service-Kategorien, Kunden und Herstellern zu finden. (Christoph Hugenschmidt)
 
Neue Serie "New Business": Die Welt der ICT-Anbieter, der VARs, Reseller, Berater, Outsourcer und Distributoren verändert sich rasant. In der neuen Serie "New Business" beschreiben wir, wie Schweizer ICT-Firmen die Transformation anpacken.
 
Veranstaltungshinweis: Transformation im Channel ist auch das zentrale Thema des 3. Inside Channels Forum nächsten Donnerstag (1.2.2018) in Aarau. Jetzt Ticket holen!