Prantl behauptet: Zukunft hat Herkunft

Einst fand Urs Prantl diesen Spruch reaktionär. Jetzt nicht mehr.
 
"Zukunft hat Herkunft". Ich hörte davon das erste Mal vor vielen Jahren an einer Strategieausbildung in St. Gallen. Professor Günter Müller-Stewens und sein Mitarbeiter Christoph Lechner hatten soeben die erste Auflage ihres Lehrbuches "Strategisches Management" fertiggestellt und erprobten es an uns MBA-Studenten. Meine Kolleginnen und Kollegen und ich waren ob dieser Aussage skeptisch. Wir empfanden sie viel zu rückwärtsorientiert, wenn nicht gar reaktionär.
 
Bei der Diskussion und Sondierung einer ganzen Reihe von strategischen Szenarien im Rahmen eines Workshops befand sich das Strategieteam in einer Sackgasse, als einer der Teilnehmer in seiner Verzweiflung Hilfe bei mir suchte. "An diesem Punkt waren wir schon oft. Wir drehen uns immer wieder im Kreis und landen beim gleichen Ergebnis. Einerseits sehen wir das alt Bekannte, mit dem wir aber nur durchschnittlich erfolgreich sind. Andererseits spinnen wir die grossen technischen Würfe, haben aber keine Ahnung, ob und wie wir die je erreichen können. Ich erwarte von dir, dass du uns sagst, welche Strategie wir künftig fahren müssen, damit sich unser Knopf endlich löst. Und dazu – bin ich überzeugt – müssen wir etwas absolut Neues und Angesagtes machen." Auch das war eine klare Absage an "Zukunft hat Herkunft".
 
Googelt man nach "Zukunft hat Herkunft", so finden sich in der Hauptsache Websites von traditionsbewussten und meist in der x-ten Generation geführten Familienunternehmen. Sie wollen damit ihre Beständigkeit, ihre Kontinuität und ihre feste Erdung zum Ausdruck bringen. Nicht selten sind diese Firmen in (vermeintlich) veränderungsresistenten Branchen tätig. Alles Rahmenbedingungen, die eigentlich überhaupt nicht zu unserer noch jungen und schnelllebigen IT-Industrie passen. So gesehen verstehe ich den Reflex, "wenn wir in Zukunft erfolgreich sein wollen, dann müssen wir ständig etwas Neues auf die Beine stellen und uns laufend verändern. Das, was wir bis anhin gemacht haben, müssen wir laufend zur Disposition stellen". Ist es also wirklich so, dass "Zukunft hat Herkunft" in der IT nichts zu suchen hat?
 
Reinhard K. Sprenger schreibt in seinem Klassiker "Mythos Motivation" an dieser Stelle: "Zukunft hat Herkunft. Kein Mensch kann sich in beliebigem Umfang von seiner Vergangenheit lösen; stets bleibt er überwiegend seine Herkunft. Das vernichtet nicht unsere Möglichkeiten, im Gegenteil, es eröffnet gerade den Spielraum unseres Gestaltens. Und es definiert scharf den Raum unserer Selbstverantwortung. Aber es begrenzt auch die Reichweiten, es bringt das, was zu tun ist, in vernünftige Proportionen."
 
Sprenger teilt uns hier mit, dass gerade erst die Orientierung an der Herkunft neue Möglichkeiten erschliesst. Sie eröffnet den Spielraum für Gestaltung, und damit für eine gezielte (Weiter)Entwicklung. Nun spricht Sprenger ja vom Menschen und nicht von Unternehmen. Was natürlich die Unternehmenstechnokraten in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Firmen – vielleicht im Gegensatz zu Menschen – nahezu unendlich veränderungsfähig sind und sich somit auch nicht gross um ihre Herkunft zu scheren brauchen.
 
Unternehmen sind keine seelenlosen Gebilde
Aber, das stimmt nicht! Auch nicht in unserer schnelllebigen IT-Branche. Viel zu oft haben wir schon die Erfahrung gemacht, dass radikale Veränderungsvorhaben gnadenlos gescheitert sind, gerade, weil sie die Herkunft mit Füssen traten. Die Schlussfolgerung daraus; Visionen und Strategien, die ihre Herkunft ignorieren sind fast immer zum Scheitern verurteilt.
 
Das hängt primär damit zusammen, dass Unternehmen eben keine seelenlosen Gebilde sind, sondern im Idealfall eine klar ausgerichtete Zweckgemeinschaft von Menschen sein müssen. Kommt bei kleinen und mittleren Unternehmen hinzu, dass sie meist von ihren Inhabern geführt werden. Und auch die sind nur Menschen und damit sehr stark durch ihre Herkunft geprägt. Sie haben ihr Unternehmen irgendwann mal mit einer coolen Idee und entsprechender Logik gegründet. Wieso also, sollen diese auf einmal völlig falsch sein?
 
Wer sich also bei der der Strategiefindung seines Unternehmens an seiner Herkunft (praktisch sprechen wir von Historie, Tradition, Werte, Kultur, etc.) orientiert, handelt naturgesetzlich und damit richtig. Nur auf diese Weise können robuste und nicht kopierbare Kernkompetenzen aufgebaut werden, denn diese brauchen Zeit. Und gerade die auf Kernkompetenzen basierenden Alleinstellungsmerkmale werden über das langfristige Bestehen entscheiden. Die Kunst liegt vielmehr darin, die auf Herkunft basierende Fortentwicklung des Unternehmens trotzdem so zu steuern, dass sie den Anforderungen der Zukunft genügt. Dazu braucht es Mut und eine klare Vision.
 
Ausnahmen bestätigen die Regel
Einem Missverständnis will ich noch entgegenwirken. "Zukunft hat Herkunft" hat nichts damit zu tun, krampfhaft an alten Technologien festhalten zu wollen. Denn – und davon habe ich schon oft geschrieben – Technologien und Tools sind bloss ein Mittel zum Zweck. Sie eigenen sich in der Regel nicht als Fundament für eine differenzierende Strategie. Wer also im Umkehrschluss sein Technologieportfolio mit seiner Strategie gleichsetzt, sollte eher auf "Zukunft hat Herkunft" verzichten. Oder – sich eine vernünftige Strategie zulegen.
 
Die Ausnahme bestätigt allerdings auch hier die Regel. Ich kenne einen eindrücklichen Fall eines inhabergeführten IT-KMU in der Schweiz, dem es gelungen ist, sich von seiner Historie komplett zu befreien. "Zukunft hat Herkunft" wurde dort ganz bewusst ausser Kraft gesetzt. Der Wandel von der Entscheidung "wir ändern uns komplett" bis zum "Erfolg" hat aber viele Jahre Jahre gedauert, hat das Unternehmen im ersten Schritt um mehr als die Hälfte schrumpfen lassen und dazu unendlich viel Überzeugungskraft gekostet. Die Geschichte der United Security Providers"Auf dem Weg zum global agierenden Hidden Champion" kann übrigens hier nachgelesen werden. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (55) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission "wir kreieren zukunftssichere Unternehmen" begleitet er als Strategieberater seit Ende 2011 KMU-Unternehmer aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.