Von Hensch zu Mensch: Von Plattform­kapitalisten lernen

Kolumnist Jean-Marc Hensch gibt dem Staat Digitalisierungs-Ratschläge.
 
Es ist ja mittlerweile nicht nur auf der linken Seite des politischen Spektrums schick geworden, über Internetplattformen herzuziehen und sie für alle Übel der Welt verantwortlich zu machen, vor allem wenn sie erfolgreich und amerikanisch sind: Steuersubstrat wandere ab (meint die EU-Kommission), die Hotellerie werde geschädigt (behauptet unser Parlament) und die Sozialversicherung nicht richtig abgerechnet (erklärt die AHV). Das Thema Netzwerkökonomie (Kampfbegriff "Plattformkapitalismus") abzuhandeln zu wollen, wäre allerdings im Rahmen einer Kolumne vermessen.
 
Ich will heute einen ganz anderen, eigentlich umgekehrten Ansatz wagen: Was kann der Staat von Plattformen lernen? Da gibt es in meiner Beurteilung fünf Punkte:
 
Zugänglichkeit: Dem Bürger muss es so einfach wie möglich gemacht werden, mit dem Staat in Kontakt zu treten und zu kommunizieren. Im Netz wird heute meine Identität häufig via Google oder Facebook festgestellt, was mir erlaubt, mich in einer Vielzahl von Plattformen mit nur einem Click einzuloggen. Ob das bezüglich Privacy gescheit ist, lassen wir mal beiseite, aber die Anforderung ist klar: Auch für Transaktionen mit dem Staat brauchen wir daher unbedingt eine einheitliche digitale Identität, welche uns erlaubt, Transaktionen (rechts)verbindlich abzuwickeln.
 
Integration: Plattformen versuchen, so viele Funktionen wie möglich unter einem Dach zu integrieren und dem Nutzer so ein integriertes Erlebnis zu bieten. Auch der Staat sollte versuchen, sich diesem Ideal anzunähern. Ein Land wie Estland, das zentralistisch strukturiert ist und auf der "grünen Wiese" anfangen kann, hat es natürlich deutlich leichter als die Schweiz mit ihrem dezentralen, föderalistischem Aufbau und langjährig gewachsenen Strukturen.
 
Nutzerorientierung: Eine Plattform richtet sich gnadenlos nach den Erwartungen, Interessen und Präferenzen der Nutzer. Für eine "intuitive" Handhabung wird viel investiert. Der Vorteil der Plattformen. Sie müssen auf nichts anderes Rücksicht nehmen. Anders der Staat. Es braucht einen grossen Effort, um auf der Basis prädigitaler Rechtsgrundlagen verwaltungsinterne Abläufe so umzubauen, dass sie für den Bürger problemlos nachvollziehbar sind. Erschwert wird das Ganze dadurch, dass oft weiterhin analoge Dienste angeboten werden müssen.
 
Experimente: Bevor eine Plattform etwas implementiert, testet sie ausgiebig aus, was wie ankommt. Dabei geht es nicht nur um Gestaltung und Software, sondern auch um das Produkt an sich. Der an das Rechtsstaatlichkeitsprinzip gebundene Staat hat es da schwerer, bei seinen Dienstleistungen zu experimentieren. Aber der Staat sollte sich durchaus Gedanken machen, ob er nicht generell oder in einzelnen Gesetzen einen Experiment- und Testvorbehalt anbringen sollte, der ihm die Möglichkeit einräumt, "Feldversuche" durchzuführen, bevor etwas definitiv eingeführt wird. Oder vielleicht auch nicht eingeführt wird: "Fail fast" ist ja auch ein wichtiger Grundsatz in der digitalen Welt.
 
Talente: In Silicon Valley findet ein wahnwitziger Wettbewerb um die besten Talente statt. Boni und Fringe-Benefits erreichen schwindelerregende Höhen, weil man nur mit Top-Mitarbeitenden die Konkurrenz abhängen kann. Nun steht der Staat nicht in einem derartigen Wettbewerbsverhältnis. Aber die Digitalisierung stellt heute in allen Bereichen hohe Anforderungen, um à jour zu sein. Es lohnt sich daher, in hervorragende Mitarbeitenden zu investieren. Oder – dieser Swico-Spot sei erlaubt – die besten ICT-Anbieter zu beauftragen.
 
Auch wenn die Schweiz im Bereich eGovernment nicht unbedingt brilliert, so sind wir keinesfalls hoffnungslos abgehängt. Dies zumindest legt folgende Anekdote nahe: Wer in Silicon Valley seine Kinder in der Schule anmelden will, muss seine Identität und seinen Wohnsitz mit einer aktuellen Stromrechnung des lokalen Versorgers belegen. Und diese mit dem entsprechenden Formular persönlich auf der Schulverwaltung abgeben. Was Stunden dauern kann, weil dies zeitgleich alle anderen Eltern auch tun müssen und jedes Dokument vor Ort geprüft und fotokopiert wird…
 
Quelle: Wesentliche Inhalte in diesem Beitrag stammen aus einem Referat von Shawn Watson (@shawnwatson24) im Rahmen der ICT-Parlamentarierreise 2017 nach Silicon Valley (#ICTCHSFO)
 
Jean-Marc Hensch (58) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.