Weltes Welt: Fokus, Fokus, Fokus

Kolumnist Beat Welte erklärt, wie sich lokale Cloud-Anbieter gegen die Hyperscaler behaupten können.
 
Die letzte Ausgabe von Weltes Welt hat einige Reaktionen hervorgerufen – nicht alle waren freundlich. Im Artikel habe ich die Behauptung aufgestellt, dass viele lokale Cloud-Anbieter keine Zukunft haben: Denn die grossen Hyperscaler – nomen est omen – haben schlicht den Skaleneffekt auf ihrer Seite und werden den "Kleinen" die Butter vom Brot nehmen. In der Porterschen Wettbewerbsmatrix ausgedrückt: Die Hyperscaler werden gewinnen, weil sie eine klare Kostenführerschaft ausspielen können.
 
Klar: Niemand will gerne hören, dass er keine Zukunft hat. Aber das Problem der "Kleinen" ist bei Tageslicht betrachtet ein noch viel grösseres – denn die Hyperscaler streben auch auf der Porterschen Differenzierungsachse klare Wettbewerbsvorteile an, und es ist nicht zu bezweifeln, dass sie damit erfolgreich sein werden. Allein AWS hat gemäss CEO Andy Jassy 2016 über 1000 neue Services und Features eingeführt, 2017 sollen es über 1200 sein.
 
Doch das ist erst der Anfang. Denn bis anhin, so meint Google-Cloud-Vordenker Urs Hölzle in einem lesenswerten Interview in der 'Finanz und Wirtschaft' vom 20. September, sei Cloud ja trotz allem nichts viel anderes als Hosting, ohne grossen Mehrwert. Doch das werde sich ändern in den Bereichen Sicherheit, Analytik und Machine Learning/Artificial Intelligence (AI). Offenbar planen alle Grossen, ihr Angebot hier massiv auszubauen – und sich damit klar von lokalen Anbietern zu differenzieren. Das wird zwar Google und Konsorten noch mehr Wissen und Macht verleihen und sicherlich viel Widerstand bei den Unternehmen hervorrufen – nur: Der richtige Einsatz von AI kann wettbewerbsentscheidend sein. Und blöderweise, aber nicht ganz zufällig, sind gerade die grossen Cloud-Anbieter gleichzeitig führend bei der künstlichen Intelligenz. Ein Dilemma für die Unternehmen – aber am Ende wird der Erfolgsdruck wohl grösser sein als die datenschützerische Unschuld.
 
Gibt es denn wirklich keinen Ausweg für die lokalen Anbieter? Doch, und auch hier weist Herr Porter mit seiner Wettbewerbsmatrix den Weg: Fokussierung heisst der Königsweg zum Erfolg. Ein exzellentes Beispiel ist der Schweizer Cloud-Anbieter "bluebamboo", der sein Angebot dieser Tage lanciert hat. Das Unternehmen fokussiert auf die rund 30'000 helvetischen Therapeuten. Es hat den von den Schweizer Krankenkassen vorgegebenen Tarif 590 mit dem entsprechenden Rechnungsformular in seine Lösung integriert – was die ungeliebte Praxis-Administration für die Therapeuten wesentlich vereinfacht. Und das zu einem Monatspreis, der für alle Module etwa einer halben Therapiestunde entspricht. Gemäss den Gründern Roman Grob und Michael Ammann, beides IT-Urgesteine, wurde das Cloud-Angebot nach monatelanger Recherche und vielen Gesprächen entwickelt – mit einem klaren Business-Plan, wie der angepeilten Zielgruppe über die Zeit zusätzlicher Mehrwert geboten werden soll.
 
Wird dieser Cloud-Anbieter erfolgreich sein? Keine Ahnung, denn die Konkurrenz schläft auch hier nicht. Aber die Strategie besticht durch den klaren Fokus auf einen Nischenmarkt und eine moderne, kostengünstige Cloud-Lösung. Kurz: Ein Geschäftsmodell, das die Bäume nicht in den Himmel wachsen lässt, aber durchaus erfolgreich sein könnte. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche.