Prantl behauptet: Unternehmer beschäftigten sich (zu oft) mit den falschen Dingen

Unternehmer, Manager und Fachkraft sind verschiedene Rollen. Das sollte man nie vergessen, so unser Kolumnist.
 
Meine Workshops und Gespräche mit ICT-Unternehmern in den letzten Wochen drehen sich interessanterweise weniger um das allgegenwärtige Hypethema "Digitalisierung", als vielmehr um ein vordergründig simples und eigentlich uraltes Problem. Vermehrt stelle ich fest "Unternehmer beschäftigten sich (zu oft) mit den falschen Dingen".
 
Dazu kurz zum Rollen-Konzept "Fachkraft – Manager – Unternehmer". In einem KMU braucht es alle drei Rollen, damit das Unternehmen langfristig erfolgreich sein und vor allem auch wachsen kann. Erstens die Fachkraft, die die eigentliche Arbeit erledigt, welche dem Kunden in Rechnung gestellt wird. Fachkräfte beschäftigen sich in Unternehmen zusätzlich mit Supportaufgaben wie Marketing oder Buchhaltung. Alle diese Tätigkeiten zielen auf die Erbringung der wertschöpfenden Leistung.
 
Zweitens: Je grösser das Unternehmen in der Folge wird, desto dringender wird der Bedarf nach Management der Ressourcen. Also höchste Zeit, dass ein Manager in das Unternehmen Einzug hält und damit beginnt, die Facharbeit zu organisieren und zu führen. In KMU geschieht dies typischerweise bei einer Mitarbeiterzahl von 15 bis 25. Mit dem Manager ist aber erst der Status quo organisiert. Seine Aufgabe ist es nämlich nicht, dem Unternehmen eine langfristige Zukunft zu ermöglichen. Das ist die Aufgabe des Unternehmers.
 
Der Unternehmer – den es selbstverständlich bereits von Beginn an und damit vor dem Manager braucht – muss sich zu diesem Zweck um die Erarbeitung und Verankerung der Werte und seines unternehmerischen Traums (sprich Vision) kümmern. Seine Aufgabe ist weiter die Strategieentwicklung und die Positionierung seiner Firma und damit verbunden deren "Vermarktung" im Kreis der dazu passenden Mitarbeiter, Kapitalgeber und anderer Anspruchsgruppen. Oder um es anders auszudrücken: Der Unternehmer arbeitet primär AM und nicht IM Unternehmen.
 
Zwischen Fachkraft und Manager einerseits und dem Unternehmer andererseits gibt es einen weiteren, zentralen Unterschied. Sie haben nicht den gleichen Kunden. Während Manager und Fachkräfte ihre Arbeitsleistung für den eigentlichen Kunden des Unternehmens erbringen, ist der "Kunde" des Unternehmers sein Nachfolger. Sein Job ist es, sein Unternehmen so zu entwickeln, dass sein Nachfolger den optimalen Nutzen daraus ziehen kann. Er arbeitet also daran, sich selbst entbehrlich und arbeitslos zu machen. Wenn er seinen Job gut gemacht hat, bekommt er dafür auch einen guten Preis, so quasi als Lohn für seine unternehmerische Tätigkeit.
 
Doch jetzt zurück zur Praxis. Unternehmer füllen nämlich meist alle drei Rollen simultan aus. Allerdings – und hier liegt die Problematik – in sehr unterschiedlicher Intensität. Ist die Firma noch klein, so betätigen sich die Unternehmer schwerpunktmässig (nicht selten sechs bis sieben Tage die Woche) als Fachkräfte in ihrer Firma. Wird sie grösser, übernehmen sie meist – und zwar, ob sie dafür geeignet sind oder nicht – die Managerrolle nebenbei und erfüllen dann zwei Rollen gleichzeitig. Wächst die Firma weiter, kommt oft der Moment, da der Unternehmer seine Fachkrafttätigkeit ganz aufgibt und sich nur noch als Manager betätigt.
 
Seine eigentlichen Unternehmertätigkeiten hingegen spielen während der ganzen Lebensdauer der Firma fast immer eine untergeordnete Rolle. Auch bei vergleichsweise gut geführten Unternehmen begnügt man sich nicht selten mit ein bis zwei Tagen Strategiemeetings pro Jahr und konzentriert sich im Rest der Zeit auf das reine Management der Firma und damit auf die Verwaltung des Status quo.
 
Diese Fehlallokation der eigenen Unternehmerressourcen führt nicht selten zu stockenden, festgefahrenen oder sogar zerstörerischen Unternehmensentwicklungen. Das lässt sich exemplarisch an den erzielten Ergebnissen der einzelnen Rollen zeigen.
 
Die Erfüllung der Fachtätigkeit hat nämlich zum Ergebnis, dass im Hier und Jetzt eine Leistung für den Kunden erbracht wird. Die Erfüllung der Managementtätigkeit hat zum Ergebnis, dass zusätzlich in der näheren Zukunft (meist im Rahmen der typischen Finanzplanungshorizonte) eine mehrwertstiftende Leistung erbracht werden kann. Die Erfüllung der Unternehmertätigkeit hingegen hat zum erklärten Ziel, dass das Unternehmen überhaupt erst eine Zukunft erhält. Und genau darum geht es den meisten Unternehmern auch, wenn man sie danach fragt.
 
Die Lösung aus diesem Dilemma ist im Prinzip einfach. Der Unternehmer hört auf, als Fachkraft und Manager zu arbeiten, beziehungsweise begibt sich auf den Weg dahin. Die unausweichliche Konsequenz daraus ist, dass er geeignete Manager suchen und engagieren muss. Die sind meistens ohnehin besser für den Job geeignet als er selbst.
 
Übrigens, ich bin überzeugt, dass ein gutes Unternehmen (fast) ohne Manager (aber nicht ohne Management) auskommen kann (siehe "Zukunftsunternehmen brauchen keine Chefs mehr“). Ohne gute Unternehmer, die ihre unternehmerischen Aufgaben wahrnehmen, gibt es aber keinen langfristigen und nachhaltigen Erfolg, keine wirklich relevante Marktposition und damit auch nur eine ungewisse Zukunft für das Unternehmen.

Urs Prantl (55) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission "wir kreieren zukunftssichere Unternehmen" begleitet er als Strategieberater seit Ende 2011 KMU-Unternehmer aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.