Von Hensch zu Mensch: Suchen Sie keinen Sprengmeister

Kolumnist Jean-Marc Hensch über eine weitere Drehung an der Regulierungsschraube im Arbeitsmarkt.
 
Was geht uns ICT-Branche das Ausländergesetz an? So mögen viele gedacht haben, als sie hörten, dass das Ding – einmal mehr – revidiert wird. Wer nicht selbst Ausländer ist, oder als Firma keine solchen anstellt, den geht das ja wohl nichts an. Auch der Untertitel scheint relativ unverfänglich: "Steuerung der Zuwanderung und Vollzugsverbesserungen bei den Freizügigkeitsabkommen".
 
Worum es wirklich geht: Um den Spagat zwischen der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und den Bilateralen Verträgen zu vollbringen, hat das Parlament für bestimmte Branchen eine Stellenmeldepflicht beschlossen. Soweit dem aufmerksamen Medienkonsumenten wohl bekannt. Bald sollen Gesetz und Verordnung in Kraft gesetzt werden und die Frage liegt auf der Hand: Was sind die konkreten Auswirkungen dieser Regulierung auf unsere Branche?
 
Zuerst die gute Nachricht: Die ICT-Branche ist nicht generell dieser neuen Pflicht unterworfen. Die schlechte: Es ist nicht einfach festzulegen, welche Stellen zu melden sind und welche nicht. Gemäss Bundesrat sind alle Stellen in Berufen zu melden, bei welchen die Arbeitslosigkeit über fünf Prozent liegt. Dies ist zum Beispiel bei Gummiverarbeitern, bei Archäologen und bei Sprengfachleuten der Fall. Diese sind für die ICT nicht unbedingt relevant (wobei für gewisse Legacy-Systeme manchmal sowohl Archäologen als auch Sprengfachleute dienlich sein könnten).
 
Aber es gibt Berufe, bei denen wir als Branche sicher betroffen sind: Elektronikingenieure, Organisationsfachleute, Monteure, Unterhaltungselektroniker, PR- und Marketingfachleute, Kaufleute, Wirtschaftswissenschafter, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Diese Liste kann sich jederzeit verändern.
 
Bei diesen Berufen darf eine Firma offene Stellen nicht einfach ausschreiben, sondern muss sie zuerst der öffentlichen Arbeitsvermittlung (RAV) bekanntgeben und ansonsten die Vakanz während einer Woche (fünf Tage) geheim halten – sogar vor den eigenen Mitarbeitenden!
 
Das RAV stellt dem Unternehmen dann innert kurzer Frist (was auch immer das bedeuten mag) passende Dossiers von Arbeitslosen zu. Der Arbeitgeber ist verpflichtet, geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu einem Bewerbungsgespräch und sogar einer Eignungsabklärung einzuladen. Anschliessend muss er dann die Resultate dieser Abklärung dem RAV mitteilen. Grosszügigerweise (!) sind interne Beförderungen oder die Übernahme von Lehrlingen von der Meldepflicht ausgenommen. Wobei auch hier der Teufel im Detail steckt. Die Befreiung gilt nur, falls die entsprechende Person mindestens sechs Monate im Unternehmen gearbeitet hat.
 
Nachlässigkeit kann hart bestraft werden: Wer die Stellenmeldepflicht oder die Pflicht zur Durchführung eines Bewerbungsgesprächs oder einer Eignungsabklärung verletzt, wird mit einer Busse von bis zu 20'000 Franken bestraft. Und bei Vorsatz, was wohl in der Regel angenommen werden wird, das Doppelte.
 
Sollte die Gesetzgebung tatsächlich in dieser Form in Kraft treten (wogegen wir uns bei Swico vehement wehren), so ist ein gigantischer bürokratischer Leerlauf vorprogrammiert. Zwei persönliche Tipps von mir: 1. Passen Sie bei den Berufsbezeichnungen wie ein Heftlimacher auf. Durch geeignete Formulierung kann wohl die Stellenmeldepflicht umgangen werden, da die Arbeitswelt reichhaltiger und dynamischer ist als die Listen des Staatssekretariats für Migration. 2. Und wenn Sie in den nächsten paar Monaten eine Stelle zu besetzen haben, machen sie fürschi! Der Bundesrat kann das Gesetz jederzeit beziehungsweise jeden Mittwochmorgen in Kraft setzen! (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (58) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.