Prantl behauptet: Die Politik schert sich selbst nicht darum, was sie von den Unternehmen verlangt

Mit Erstaunen las ich vergangene Woche in Marcel Gammas Beitrag zur Studie "Zukunft digitale Schweiz" von Economiesuisse und dem Think Tank W.I.R.E. folgenden Absatz: "Damit die Schweiz als Gewinnerin der Digitalisierung hervorgehe, müsse sie die Herausforderungen 'positiv, offen und mit viel Selbstvertrauen' angehen. Konkret gelten aus Autorensicht die ökomischen Rezepte von gestern auch heute und morgen. Das würden Erfahrungen von gestern belegen (so die unbestritten positiven Resultate der ersten technologischen Revolution von 1820 oder diejenigen nach der Automatisierung der Textilindustrie). Mit liberalen, wirtschaftsfreundlichen Grundwerten sei der Reiseweg optimal vorgespurt.
 
Gleichentags stolperte ich über einen NZZ-Kommentar von Jürg Müller "Eine Robotersteuer ist Unsinn". Auch er bezieht sich auf die oben bereits erwähnte Studie und schlägt in die Kerbe "bereits früher hatten die Leute Angst vor neuen Technologien und trotzdem entstanden am Schluss immer mehr Jobs als davor vernichtet worden waren". Mit diesem Argument, und natürlich vor dem Hintergrund seiner liberalen Wirtschaftshaltung, kommt er zum Ergebnis, dass eine Robotersteuer Unfug sei. Auch wenn ich seine Argumente und Beispiele im Kommentar nachvollziehen und teilweise sogar teilen kann, insbesondere das Argument der "Innovationsbremse", so bin ich trotzdem mit dem Ergebnis nicht einverstanden. Denn, wie sagte einst Albert Einstein sinngemäss? "Die Probleme der Zukunft lassen sich nicht mit den Mitteln der Vergangenheit lösen."
 
Aber das scheint genau das zu sein, worauf sich der Mainstream in der Wirtschaftspolitik hierzulande immer und immer wieder beruft. "Hört zu! Solch grundlegende Veränderungen wie heute mit dem digitalen Wandel hatten wir schon einige Male in der Vergangenheit. Und immer sind wir stärker, mit mehr Jobs und höherem Wohlstand aus dem Veränderungsprozess herausgekommen." So wird es auch dieses Mal wieder sein. Wir müssen bloss – O-Ton obige Studie – 'positiv, offen und mit Selbstvertrauen' an die Sache herangehen. Und dazu nutzen wir die bewährten Rezepte und machen wirtschaftspolitisch weiter wie bisher." Das mag glauben, wer will. Mir fällt es schwer. Und wieso ich das nicht nachvollziehen kann, habe ich bereits in meinen Beiträgen vom Januar "Uns werden mit der Digitalisierung die Jobs ausgehen" und Februar "Wir brauchen die Robotersteuer" ausführlich dargelegt.
 
Was ich nun aber wirklich erstaunlich finde ist die Tatsache, dass sich die Politik immer wieder auf die Erfahrungen der Vergangenheit beruft und diese mit absolutem Urvertrauen in die Zukunft interpoliert. Und dann daraus ableitet, dass die Politik mit ihren liberalen und wirtschaftsfreundlichen Grundwerten für die Digitalisierungsreise ohnehin "optimal" aufgestellt ist.
 
Seelenbalsam fürs Volk, Drohfinger für Unternehmen
Wenden sich die Politiker hingegen an die Unternehmen, so klingt es auf einmal völlig anders. Denen wird mantra-mässig gepredigt, dass es so nicht weitergehen kann. Die Unternehmen müssen sich bewegen, sich raschestens an die Veränderungen der Digitalisierung anpassen, ihre Geschäftsmodelle – am besten schon prophylaktisch – der neuen Zeit entsprechend umbauen, ihr ganzes Business durchgehend digital organisieren usw. Im Unterlassungsfall wird vor dem totalen Verlust der Wettbewerbsfähigkeit und dem Untergang gewarnt. Also, "ändert eure Management-Systeme, euren Führungsstil, eure Methoden und Tools, ändert eigentlich alles und macht auf keinen Fall weiter wie bisher!"
 
Dazu drängt sich mir folgende rhetorische Frage auf: Wieso verhält sich der Durchschnittspolitiker gegenüber dem "Volk" komplett anders als gegenüber den Unternehmern dieses Landes? Weil hinter dem "Volk" der Stimmbürger und Wähler steht, der unterschwellig Angst davor hat, mit zunehmender Digitalisierung und Automatisierung seinen Job zu verlieren. Also gilt es diesen zu beschwichtigen und ihm zu suggerieren, "wir haben alles unter Kontrolle, die Rezepte der Vergangenheit haben sich bestens bewährt und darum halten wir auch in Zukunft eisern daran fest".
 
Natürlich liegen die Dinge nicht so simpel, wie ich sie hier darstelle. Es gilt (wie immer) zu differenzieren! Trotzdem, am Schluss bleibt die Frage offen, wieso sich die Politik eher als digitalisierungskompetent sieht, dies dem Gros der Unternehmen (insbesondere den KMU) aber abspricht. (Urs Prantl)

Urs Prantl (54) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 begleitet er Unternehmer aus der IT- und Softwarebranche auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche (wirksame!) unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.