Deregulierung, Mut zur Unsicherheit und Hunderoboter machen's möglich

Die prioritären Handelsfelder laut Economiesuisse und W.I.R.E.
Economiesuisse und der Think Tank W.I.R.E. präsentieren eine Reiseroute in die Digitalisierung.
 
"Wir stehen am Anfang unserer Reise in die digitale Zukunft", leiten Economiesuisse und der Schweizer Think Tank W.I.R.E. eine neue Studie "Zukunft digitale Schweiz" ein. Und, so bewerben die beiden Organisationen die Philosophie, der Weg in die Digitalisierung sei auch das Ziel. Ihr Einsatz des Wortes "unser" suggeriert, es werde eher eine Art Radio-Wanderung für jedermann (mit dem Reiseführer Economiesuisse), denn eine Expedition von waghalsigen Pionieren in unbekanntes, vielleicht gefährliches Territorium.
 
So dann doch nicht. Mit Offenheit und Technologiekompetenz ist es nicht getan, sondern man will, so die Studie "regelmässige Marschstopps" einschalten und "eine kritische Reflexion" machen. Der Wirtschaftsdachverband hat offenbar auch erkannt, dass die Akzeptanz von Digitalisierungsvisionen beim Normalbürger relativ klein ist. Denn manch einer hat Angst davor, wegrationalisiert zu werden und bestenfalls mit bedingungslosem Grundeinkommen alimentiert als gläserner Mensch durchs Leben navigiert zu werden.
 
Und immer häufiger zeigen sich politische Mehrheiten für aus Sicht der Firmen wenig oder ganz untaugliche Lösungen wie eine Strafsteuer für Selfscanning-Kassen, Netzsperren für einzelne Branchen oder eine Steuer auf Roboter (und die Arbeitszeiterfassung nicht zu vergessen).
 
Schweiz wäre gut gerüstet
Also wie weiter? Unter der Prämisse, die Technologie bilde die Basis, nicht mehr, nicht weniger, will die Studie als Wanderkarte dienen, Inspiration und gar zum kritischen Mitdenken auffordern.
 
Erste Reiseetappe: Für ein gesamtheitliches Verständnis von Digitalisierung müssen laut den Autoren die diversen technologischen Ansätze in einem Modell vereint werden.

Dann, zweite Etappe, die Praxis: In den praktischen Anwendungen, VR, Big Data und Automatisierung liefert der Dachverband nicht nur eine allgemein verständliche Zusammenfassung von bekannten Entwicklungen, sondern anerkennt: "Anders als bei den früheren industriellen Revolutionen, wo primär weniger gut gebildete Menschen vom Einzug der Technologie betroffen waren, dürfte die Automatisierung die Arbeit von Menschen aller Bildungsstufen betreffen."
 
Kommen wir zur dritten Etappe: Die Datenmengen vergrössern den Gestaltungsraum und bieten neue Möglichkeiten, aber auch die Komplexität im Umgang damit wächst. Ausserdem würden Empfehlungs-Algorithmen oder Standardisierung nicht nur Effizienzgewinne bringen, sondern auch auswechselbare Produkte und Normierung.
 
Weitere Thesen: Die seit den Trump-Wahlen beschriebenen und beschworenen "Filter Bubbles", durch Facebook-gesteuerten Newskonsum, schwäche die öffentliche Debattenkultur. Und was man dank Daten an Transparenz und Entscheidungsgrundlagen erhalte, könnte man wegen Datendiebstahl und Kontrollübernahme durch Dritte verlieren.
 
Nichtsdestotrotz:
Mögliche künftige Segnungen der Digitalisierung (Screenshot aus der Studie)
Die Schweiz sei gut gerüstet für die digitale Zukunft, so die Studie, dank Faktoren wie der freien Marktwirtschaft, Stabilität oder auch wettbewerbsfähiger Finanz- und Steuerpolitik.
 
Was die Politik aber bislang in Sachen Digitalisierung geboten habe, sei entweder zu spät gekommen oder es seien "Regulierungsrezepte von gestern", sagte Chefökonom Rudolf Minsch an einer Medienkonferenz.
 
Wer sich nun fragt, ob wohl Economiesuisse in Konsequenz Positionen ändere oder neue Rezepte postuliere, sieht sich getäuscht.
 
Damit die Schweiz als Gewinnerin der Digitalisierung hervorgehe, müsse sie die Herausforderungen "positiv, offen und mit viel Selbstvertrauen" angehen. Konkret gelten aus Autorensicht die ökomischen Rezepte von gestern auch heute und morgen. Das würden Erfahrungen von gestern belegen (so die unbestritten positiven Resultaten der ersten technologischen Revolution von 1820 oder diejenigen nach der Automatisierung der Textilindustrie). Mit liberalen, wirtschaftsfreundlichen Grundwerten sei der Reiseweg optimal vorgespurt.
 
"Es braucht mehr als Ingenieure und Programmierer"
Fazit von Economiesuisse: Der digitale Wandel dürfe nicht durch vorschnelle und ungeeignete Regulierung beeinträchtigt werden. Das Potenzial lasse sich am besten nutzen, wenn die Privatwirtschaft den notwendigen, grösseren Freiraum habe: "Statt neue Geschäftsmodelle zu regulieren, sollten die bestehenden Anbieter durch Deregulierung fit für den Wettbewerb gemacht werden."
 
Ausserdem braucht es mehr als Ingenieure und Programmierer, nämlich "Verständnis für gesellschaftliche Veränderungen." Und nun gelte es Basisinfrastrukturen weiter zu entwickeln, digitale Kompetenzen in Aus- und Weiterbildung zu stärken, das Steuer- und Sozialsystem soll auf Eigenverantwortung basierend angepasst werden. Ausserdem würden Branchen- und bereichsübergreifenden Kooperationen und Cluster immer wichtiger.
 
Und mindestens zwei Grundfragen müsse man klären: Welche Datenpolitik braucht die Schweiz? Welche Aufgaben hat der Staat?
 
Hier bleiben die Antworten der Autoren vergleichsweise vage. Und wer, wie, wann und wo kritisch mitdenken soll, thematisieren sie ebensowenig.
 
Lieber liefert man ein Bekenntnis zum Milizsystem, der Konsenssuche und nennt die Stärkung des staatspolitischen Bewusstseins eine zentrale Aufgabe zur erfolgreichen Digitalisierung. Schliesslich liefert die Studie dann 13 so genannte "Denkszenarien", die als Inspiration dienen sollen. Diese reichen von digital gestütztem Individualtourismus über das Kochen mit der Hololens bis zu unterirdischer Logistik. Immer illustriert mit bunten Fotos glücklicher Menschen und Hunde in pittoresker Landschaft (samt blauem Himmel). Es gibt sicher solche, die annehmen, diese Reise locke Politik und Gesellschaft. (Marcel Gamma)