Weltes Welt: Digitaler Cash-Crash

Die Bitcoin- und Ethereum-Blase wird platzen. Mit möglicherweise massiven Folgen. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille, so Kolumnist Beat Welte.
 
"Digitale Währungen sind meiner Meinung eine Marotte, ein Schneeballsystem… das an die Tulpen-Manie von 1637, die Südsee-Blase von 1720 und die Internet-Blase von 1999-2000 erinnert", meint Howard Marks, einer der Überväter des Value-Investings in seinem aktuellen Memo. Bereits zuvor hatte der legendäre Warren Buffett 2014 vor den Digital-Währungen "ohne inneren Wert gewarnt.
 
Derweil loben Techies die Digitalwährungen Bitcoin und Ethereum beziehungsweise Ether und die zugrunde liegende Blockchain-Technologie als "Game Changer" und feiern mit dem "Business in the age of Ethereum" bereits das anbrechende goldene Zeitalter.
 
Wer hat recht? Ich meine: Beide. Unzweifelhaft ist, das sich Digitalwährungen in einer fortgeschrittenen akuten Blase befinden. Hätte man vor sieben Jahren 10'000 Dollar in Bitcoin investiert, wäre man heute rund 35 Millionen Dollar reicher. Und dies, obwohl die Währung von keinem Staat oder irgendeiner anderen Organisation garantiert wird, obwohl beliebige andere digitale Währungen geschaffen werden können mit erweiterten Funktionalitäten (Ethereum ist das beste Beispiel dafür) und obwohl nicht einmal der Vater des ersten Krypto-Cashs Bitcoin bekannt ist: Hinter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto könnten sich vom amerikanischen Geheimdienst CIA bis zum verkorksten Computer-Nerd um die Ecke buchstäblich alle verbergen.
 
Irgendwann kommt wie im Märchen "Des Kaisers neue Kleider" der Moment der Erkenntnis – und die Auswirkungen auf das gesamte Finanzsystem könnten verheerend sein: Zwar beträgt der Wert der digitalen Währungen "nur" rund 120 Milliarden Dollar, aber die Chaostheorie lehrt, dass selbst der Flügelschlag eines Schmetterlings höchst Ungutes auslösen kann. Zumal die digitalen Währungen Eingang ins traditionelle Finanzsystem gefunden haben und von hochdotierten Gremien aus führenden Unternehmen in IT und Finanz gefördert und von der Stadtverwaltung Zug bis hin zu Japan und Australien als Zahlungsmittel akzeptiert werden.
 
Doch der bevorstehende Crash der digitalen Währungen ist nur die eine Seite der Medaille. Denn ebenso klar ist, dass die zugrunde liegende Blockchain-Technologie und vor allem die erweiterten Funktionalitäten um das jüngere Ethereum ein enormes Potenzial bergen. Ethereum umfasst nämlich nicht nur die digitale Währung Ether, sondern ist programmiertes, dezentrales Vertrauen, das auf einer offenen Plattform beliebigen Anwendern für ein breites Spektrum von Anwendungen zur Verfügung steht. Auf dieser können nicht nur unabhängig von Staaten oder Banken Finanztransaktionen abgewickelt werden, sondern es lassen sich "smart contracts" eingehen: Das sind Computerprotokolle, die Verträge abbilden, überprüfen oder die Verhandlung oder Abwicklung eines Vertrags technisch unterstützen lassen.
 
Die Anwendungsmöglichkeiten solcher "smart contracts" lässt sich auf fast alle Lebensbereiche übertragen, in denen zwei oder mehrere Parteien eine Vereinbarung eingehen. Jungfirmen mit entsprechenden "Use Cases" spriessen momentan im Internet aus dem Boden wie Gräser nach dem Regen in der Kalahari.
 
Werden Blockchain und Ethereum wirklich zu "Game Changern", die den dringend benötigten neuen Produktivitätsschub durch IT bringen? Es ist zumindest möglich, doch sind noch einige Hürden zu nehmen. Paradoxerweise könnte sich gerade der zu erwartende Kollaps der mit diesen Zukunftstechnologien verbundenen Digitalwährungen als ein massiver Stolperstein herausstellen. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Seine Kolumne "Weltes Welt" thematisiert monatlich wichtige Untertöne: tiefgreifende Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen, die mehr sind als die Version 10 eines altbekannten Produktes.