Hololens: Eine App im Praxis-Test

Was können AR und VR in der Praxis? Für wen? Und wie entwickelt man die Apps eigentlich? Zühlke zeigt es.
 
"Der gegenwärtigen Technologie fehlt noch die Reife, aber sie wird immer raffinierter, und so wird sich ihre Adoptionsrate in gemächlichem Tempo bis 2020 beschleunigen", so prognostizierte ein Gartner-Analyst Anfangs 2017 über Augmented Reality (AR) und Virtual Reality (VR).
 
AR erlebt eine Renaissance, nachdem nicht mehr nur schöne, aber theoretische Hype-Videos darüber produziert werden, sondern weil seit 2016 mit der neuen Generation von Headsets tatsächlich praktische Business-Anwendungen realisiert werden können.

Diesen sich abzeichnenden Markt wollen auch Schweizer Firmen rechtzeitig entern, sowohl mit Microsofts Hololens (AR) oder auch der HTC Vive (VR). Manche spielen noch herum, andere haben Kundenprojekte umsetzen können. So auch Zühlke, welche in Schlieren ein VR- und ein AR-Projekt vorstellte, um in der Praxis zu zeigen, wie sich die neue Generation von Sensoren, Displays, Headseats bewähren.
 
Mit VR Wohnungen verkaufen
Für eine Berner Architekturfirma entwickelten die Schlieremer eine VR-App für Neubauten: Mit einer HTV-Vive kann man sich in einem 3D-Modell bewegen. Beim Ausprobieren im Sitzungszimmer zeigte sich, dass die Auflösung von Möbeln oder Böden zwar nicht photorealistisch ist, aber besser als erwartet. Und die Besichtigung der virtuellen Luxuswohnung verlief flüssig.
 
Um die Aussicht aus der virtuellen Stube realistisch darzustellen, können reale Fotos eingesetzt werden, der Sonneneinfall im Laufe des Tages und die Schatten können realitätsnah simuliert werden, wie Daniel Diezi, Innovationsmanager bei Zühlke, erklärt.
 
Man kann sich vorstellen, dass Architekten, Innenarchitekten wie Bauherren sich für die Anwendung begeistern könnten. Es gibt denn auch schon andere VR-Projekte für Architekten. Gerade bei Bau-Projekten, bei denen man in der Immobilienbranche 30 bis 50 Prozent ab Plan verkaufen muss, bevor man mit dem Bau beginnt, stösst VR auf Interesse. Apps können die heutigen Pläne, Karton-Modelle, photorealistischen Ausdrucke und Materialproben zumindest ergänzen.
 
Wäre das nicht sogar ein Zühlke-Standardprodukt für den Bau-Verkaufsmarkt? Diezi kann sich dies vorstellen, aber "momentan ist es noch nicht so weit". Bei einem marktreifen Produkt müsste man den Architekten zudem zwingend Schnittstellen liefern, damit VR kompatibel mit der CAD-Software funktioniert, meint ein befragter Architekt.
 
Hololens in der Industriepraxis
Ebenfalls in die Businesspraxis kommt nach und nach die Hololens von Microsoft. Das zumindest will Zühlke mit der so genannten "Holo-Repair-App" beweisen, welche die Software-Schmiede für den deutschen Industriekonzern Jungheinrich entwickelt hat. "Hololens ist die erste wirklich ausgereifte Technologie für anspruchsvolle AR-Anwendungen," sagt Fredrik Gundelsweiler, UX (User Experience) Lead Consultant bei Zühlke.
 
Und dann kam der Praxistest. Ein Gabelstapler im Licht von Neonröhren in einer Tiefgarage, so das Test-Setting für die Hololens. Die Aufgabe: Als Mitarbeiter ohne modellspezifische Kenntnisse einen Defekt im Gabelstapler finden und selbständig beheben.
 
Und der Case funktionierte auch
recht gut. Mit einem Scan identifiziert der Headset-Träger das Modell, ein Hologramm wird über den realen Gabelstapler eingeblendet; nun erhält der Hololens-"Wartungstechniker" technische Informationen und kann sich Schritt für Schritt durch den Reparaturprozess bewegen. Im lärmigen Industriekontext dürfte die Gestensteuerung mehr eingesetzt werden als die Sprachsteuerung. Letztere hatte der handwerklich unbegabte, brillentragende Autor allerdings wesentlich schneller im Griff.
 
Die Usability, so zeigte sich beim Test, ist hoch, die Handlungsaufforderungen aus dem 3D-Hologramm sind verständlich und von Games inspirierte Töne und eine Art "Sternenschweif" signalisieren dem User, dass ein Reparaturschritt abgeschlossen ist und er sich bewegen muss. Das Sichtfeld ist eingeschränkt, aber in diesem Falle weniger störend als gedacht. Die Interaktionen sind durchaus befriedigend, Aussetzer gab es nur einen.
 
Java plus "Zauberei" für die Entwickler
Welche Methoden haben sich für die Entwicklung der Hololens-Apps angeboten? Was tun beim relativ begrenzten Erfahrungsschatz, wenn man Apps entwickelt und mit virtuellen 3D-Objekten interagiert? Gundelsweiler verweist zum einen auf eine sehr enge Zusammenarbeit mit den künftigen Anwendern. Zum andern kommt eine so genannte "Wizard of Oz"-Methode zum Einsatz, die man aus dem Produktdesign entliehen hat. Dies ist eine Art Rollenspiel mit einer "Bühne", einem menschlichen "Wizard" ("Zauberer"), der mit beschrifteten Papierkarten das AR-System spielt, Endbenutzern, Beobachtern und dem realen Gabelstapler. Auch kann Knetmasse beim 3D-Modell zum Einsatz kommen.
 
Der Entwicklungsprozess sei sehr iterativ, so Gundelsweiler, was primär mit neuartigen UX-Fragen zusammenhänge.
 
Und wie sieht es IT-seitig aus? AR-Fans beteuern in Microsoft-Werbevideos, für Programmierer sei es simpel, auch für die Hololens zu entwickeln. Bei Zühlke wird dies bestätigt, es programmieren "klassische" App-Entwickler mit Java, zum Einsatz kommt zudem die Creation-Engine Unity, bekannt aus dem Gamebereich. Der 3D-Aspekt sei vor allem eine Herausforderung, so Gundelsweiler.
 
Bei Zühlke ist man mit der eigenen HoloRepair-App auf dem Hololens-Markt und überhaupt sei man über das interne Experimentieren hinaus. "Wir haben den kritischen Punkt hinter uns und haben ein konkretes Angebot", so Diezi. Verfügbar sei ein AR/VR-Kernteam mit aktuell rund 20 Personen in der Schweiz und weiteren an andern Standorten. Nötigenfalls könne man immer auf Microsoft-Leute zurückgreifen.
 
Der Innovationsmanager sieht in der Schweiz neben der Industrie auch im Banking und im Versicherungswesen, konkret in der Schadensaufnahme, weiteres Potential. Die Zühlke-Argumente für den Einsatz einer solchen AR- (oder wie Microsoft sagt "Mixed Reality")-App: Effizienzsteigerung natürlich und bessere Servicequalität in der Industrie.
 
Aber es gibt auch Einsparpotential beim Personal. Statt im Detail für spezifische Modelle geschulte, vergleichsweise teuren Servicetechnikern können nun billigere, wenn auch ausgebildete "Generalisten" für Reparaturarbeiten eingesetzt werden. "Gleichzeitig ist dies aber auch ein Beispiel, dass die Digitalisierung nicht nur Jobs zerstört", erwidert Diezi. Es zeige, dass auch neue, niederschwellige Stellen geschaffen werden können. (Marcel Gamma)
 
Update (26.7.2019): C#, nicht Java, komme als Programmiersprache zum Einsatz, korrigiert ein Zühlke-Vertreter nachträglich.