Von Hensch zu Mensch: IT-Publizistik – Der Kampf aller Waffen

Kolumnist Jean-Marc Hensch füllt sein Sommerloch.
 
Im Hochsommer macht auch die Politik etwas Pause, so dass ich mich heute einmal mit der IT-Publizistik befassen möchte. Wir haben ja ein ganzes Ökosystem von Medien, welche auf Holz und/oder elektronisch erscheinen und unsere Branche mit News versorgen.
 
Aussenstehende stellen sich das ja so vor: Die Redaktion schickt kompetente und gut vernetzte Journalisten auf die Piste, welche intensiv recherchieren, wobei sie heldenhaft ganze Armeen von PR-Beratern niederringen. Sie decken mit Charme und investigativen Methoden die Skandale hinter den Fassaden der Firmen, Ämter und Verbänden auf und präsentieren sie der staunenden Öffentlichkeit. Es gibt die Berichte in zwei Geschmacksrichtungen: Exklusiv oder Breaking, was aber letztlich aufs Gleiche hinausläuft. Nun, diese Artikel gibt es durchaus. Aber ihr Anteil am redaktionellen Output ist leider ausserordentlich klein. Es braucht daher zusätzlich reichlich Füllmaterial, damit die Inserate und Banner nicht einsam bleiben. Und das ist nun das Arsenal der Redaktionen:
 
Sehr beliebt sind die Copy-paste-Beiträge, bei denen die Redaktion einfach den Text einer Medienmitteilung übernimmt und ins Blatt schiebt. Gibt dem Medium wenig Arbeit, die PR-Agentur und der Kunde sind begeistert, die direkte Konkurrenz blass vor Neid. Über die Qualität der Texte könnte man länger diskutieren, wenn "Leider Nein" das Feld nicht schon völlig abgegrast hätte. Diese Beiträge richten keinen Schaden an, da sie ausser von den direkt Betroffenen von niemandem gelesen werden. Typischer Artikeltitel: "Vorstoss in nächste Galaxien: Das XP33-Feature katapultiert die Modellreihe Bonobo in die Weltliga".
 
Dann gibt es die Pulitzer-Anwärter, die aus irgendeinem Grund in der IT gelandet sind und nun Medien mit persönlich verfassten Beiträgen beehren. Auch sie sind bei den Journalisten herzlich willkommen, da sie Weissraum füllen, ohne dass man damit Arbeit hat. Wobei, manchmal schon: Der Autor wünscht zum Beispiel bei einem Printprodukt, dass der Artikel möglichst rechteckig erscheint, damit er das Werk ausschneiden und gerahmt im eigenen Cubicle aufhängen kann. Dabei gilt folgende Regel: Die Länge des Textes ist umgekehrt proportional zur Bedeutung des Inhalts und zur Bekanntheit des Verfassers. Als Überschrift zum Beispiel: "Ist Bit 13 im Code-Proxy des Cobol-Interpreters bei der Meta-Plattform Frangipan wirklich verzichtbar? Eine Kontroverse schüttelt die IT-Welt durch."
 
Je nach Ausrichtung des Mediums gibt es auch die Möglichkeit, Artikel über neue Consumer-Gadgets zu publizieren. Dabei wird ein Objekt, das eigentlich niemand wirklich braucht, aber jeder haben will, liebevoll auf Herz und Nieren geprüft, evaluiert, beurteilt und danach wahlweise heiliggesprochen oder zum Tode verurteilt (manchmal auch beides zusammen). Dabei kommt es auch zu eher perversen Auswüchsen, wie "Will it blend?", bei dem zum Beispiel zwei Mobiltelefone verglichen werden, indem man sie beide in identischen Mixern zu Fetzen schreddert. Ich nenne das darum den Blender-Journalismus (Pun intended). Titel: "Direktvergleich zwischen oPhon und Glaxytop: Wer ist der bessere Türstopper?"
 
Dann gibt es diejenigen Artikel, die angeblich von allen am eifrigsten gelesen werden. In der Kategorie "Sesseltanz" stehen Personen und Mutationen im Vordergrund. Standardmässig werden sie mit einem Portraitfoto illustriert, auf dem ein breit grinsender Managertyp in die Kamera strahlt. Dabei findet in der Titelgebung tendenziell ein leichtes Overselling statt: Der Journalist muss ja einen Grund finden, wieso die Personalie überhaupt relevant sein könnte. In der Schlagzeile steht dann "Huber übernimmt bei Pinkigreen-IT". Etwas weiter unten im Text, und kleiner, steht dann, dass Fritz Huber angestellt wurde als Deputy of the Acting Vice-President Customer Support of the Wallisellen North Area.
 
Mit diesem Sortiment an Formaten sollte es eigentlich jeder Redaktion gelingen, ihren Auftrag zu erfüllen und die Branche angemessen mit Lesestoff zu versehen. Ist sie jedoch richtig verzweifelt, kann sie noch tiefer in die Schublade greifen. Dann lässt sie Kolumnen schreiben! (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (58) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.