Prantl behauptet: "Effektivität" ist King, "Effizienz" ist etwas ganz Anderes

Ein Plädoyer für pure Wirksamkeit in Unternehmen.
 
"Effektivität heisst, die richtigen Dinge tun, Effizienz heisst, die Dinge richtig tun." Das las ich kürzlich im Sitzungszimmer eines Kunden. Dort wird das Zitat zwar Fredmund Malik zugerechnet, auch wenn es in Tat und Wahrheit von Peter F. Drucker aus seinem 1967! erschienen Buch "The Effective Executive" stammt. Und genau hier nimmt das Missverständnis seinen Anfang. Auf Deutsch übersetzt wurde der Buchtitel nämlich mit "Die ideale Führungskraft". Mit dem Adjektiv "ideal" wurde der treffendere Begriff "effective" komplett verwässert und auf Beliebigkeit und Allgemeingültigkeit reduziert. Mit der Folge, dass heute in fast allen Unternehmen Effizienz zum Mass aller Dinge und Effektivität bestenfalls zum Synonym dafür verkommen ist. Ein grosser Irrtum mit schwerwiegenden Folgen.
 
Hocheffizient Unsinn produzieren
Und das, obwohl durchaus ein passender deutschsprachiger Begriff für "effective" zur Verfügung steht. Es geht hier nämlich um Wirksamkeit. Effektivität misst damit die Wirksamkeit im Sinne von gewünschter Veränderung vom alten zum neuen Zustand. Massstab dafür ist das vorher festgelegt Ziel. Wohingegen Effizienz für die Wirtschaftlichkeit des Tuns steht. Je kleiner der Aufwand, desto wirtschaftlicher bzw. effizienter das Tun. Als Schlussfolgerung heisst dies allerdings auch: Man kann problemlos hocheffizient Nonsens produzieren.
 
Heutzutage ist Effizienz klar Everybody's Darling. Nichts, was nicht effizient sein sollte, nichts, was nicht noch effizienter gemacht werden könnte und müsste. Das gilt nicht nur in Unternehmen, genauso tönt es auch dutzende Male täglich aus dem Äther oder ist in den einschlägigen Zeitungen zu lesen. Sucht man beispielsweise die beiden Begriffe "Effizienz" und "Effektivität" bei Google.ch, so kommt der Erstere gut fünfmal häufiger vor. In der 'Handelszeitung' kommt er rund zehnmal, bei der 'Finanz und Wirtschaft' zwölfmal, bei der NZZ gut vierzehnmal und im Tagi – wen wundert’s – sogar 143-mal häufiger vor. Mal abgesehen davon, dass oft kein Unterschied zwischen den beiden Begriffen gemacht wird, auch nicht in der Presse, wird Effizienz geradezu gepredigt. Es ist eine richtiggehende Effizienz-Religion entstanden.
 
Prediger der Effizienz…
Der oben erwähnte Irrtum besteht nun darin, dass erstens Effektivität oft mit Effizienz gleichgesetzt und zweitens, dass Effizienz als Allerheilmittel für jeglichen unternehmerischen Erfolg definiert wird. So wird uns permanent suggeriert, dass Unternehmen, Prozesse, Verfahren, Mitarbeiter, Produkte, etc. primär effizienter werden müssen, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Wir in der IT tragen dazu massgeblich bei. Besteht doch das Nutzenversprechen fast aller IT-Dienstleister primär aus Effizienzsteigerung. Auch die Digitalisierungsanstrengungen der meisten Unternehmen kümmern sich leider nur um die Verbesserung der Effizienz und deutlich seltener um die Steigerung ihrer Wirksamkeit. Strategisch zeigt sich der Unterschied zwischen einem effizienten und einem effektiven Unternehmen darin, dass das erste extrem wirtschaftlich einem starken Konkurrenzdruck ausgesetzt ist, während sich das zweite mit einer hohen Alleinstellung und kundenrelevanten USPs einen wenig(er) umkämpften Markt geschaffen hat. In der Schweiz schliesslich wurde Effizienz spätestens mit dem Frankenschock Anfang 2015 zum allgemeinen wirtschaftlichen Dauerprogramm.
 
Effektiv gewinnt
Was nun aber, wenn plötzlich Unternehmen (nicht selten in der Form von Startups) auf der Bildfläche erscheinen, die sich primär um eine herausragende Wirksamkeit, also Effektivität ihrer Produkte und Dienstleistungen kümmern. Eine Wirksamkeit, die möglicherweise zweimal, viermal, zehnmal, hundertmal oder tausende Male (wie z.Bsp. bei Airbnb oder Uber) wirkungsvoller ein Kundenproblem löst? Dann wird das mit der Effizienzsteigerung echt hart.
 
Nicht, dass Effizienz bzw. Wirtschaftlichkeit unwichtig wäre. Sie ist bloss zweitrangig. An erster Stelle muss immer zuerst die Herstellung und permanente Verbesserung der Wirksamkeit stehen. Das gilt dann aber nicht nur für Startups oder bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, es gilt insbesondere auch für bestehende und etablierte Unternehmen. Sie müssen lernen, sich zuerst um ihre Wirksamkeit und erst dann um die Verbesserung ihrer Prozesse, Durchlaufzeiten, Organisationen, etc. zu kümmern. In der Praxis ist es leider umgekehrt.
 
Das fällt mir immer dann auf, wenn wir in den Strategieworkshops über den Kundennutzen eines Angebots nachdenken. Effizienzsteigerung ist meistens sofort klar. Mache ich hingegen Überlegungen beliebt, wie wir künftig die Wirksamkeit der Kunden mit unseren IT-Dienstleistungen massiv verbessern könnten, dann renne ich oft gegen eine Wand. "Wir helfen den Kunden gerne ihre Wirtschaftlichkeit im Sinne eines besseren Kosten-Nutzen-Verhältnisses zu verbessern, die Wirksamkeit zu erhöhen, ist aber ihr eigene Sache. Dazu können und wollen wir nichts beitragen" höre ich oft. Ist eigentlich auch verständlich.
 
Wollte man sich nämlich mit der Effektivität seiner Kunden auseinandersetzen und dafür Lösungen anbieten, dann müsste man auch für das Ergebnis die Verantwortung übernehmen. Gerade für IT-Unternehmen, die eigentlich nur ihre Produkte und Stunden verkaufen wollen, ist das keine Option. Diese Einstellung ist allerdings langfristig weder überlebensfähig, noch hilft sie, die bei den Kunden massiv steigende Komplexität im Zuge der Digitalisierung in den Griff zu bekommen. In diesem Sinne: Werdet wirkungsvoller! (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (54) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 begleitet er Unternehmer aus der IT- und Softwarebranche auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche (wirksame!) unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.