Dell EMC: Lastenträger für neue IT-Anforderungen

David Goulden, ehemaliger EMC-CEO, ist President von Dell EMC.
Die erste EMC-World-Veranstaltung nach der Fusion mit Dell zeigte ganz deutlich, wie sich der frühere Storage-Spezialist unter der neuen Herrschaft ausrichten muss. Knapp gesagt: Plattformen jedweder Art und deren Nutzung stehen im Fokus.
 
Wie nicht anders zu erwarten, setzt der neue Hausherr bei EMC die Integration mit der Muttergesellschaft an oberste Stelle. Das zeigte sich schon am Event-Namen: DellEMC/World heisst die Veranstaltung jetzt, noch dichter kann man die beiden Firmennamen nicht schreiben. Folglich präsentierte auch jeder EMC-Bereich seine enge Anbindung an die Dell-Segmente. EMC-Chef David Goulden lobte besonders die neuen "Hyperconverged Systems" (HCP) von Dell, bei denen die Compute-Power von Dell und die Storage-Systeme von EMC stammen. Sie sind sozusagen ein anfassbares Beispiel für die neue "Hyperconverged Company".
 
Auch VMware-Chef Pat Gelsinger schwärmte in seiner Keynote vom Software-definierten Rechenzentrum, in dem er am liebsten eine Kombination seiner Plattform- und Netzwerksoftware mit Dells neuen HCP-Maschinen sehen möchte. Doch HPE und IBM haben das wohl nicht so gerne gehört. Gerade die bislang Hardware-unabhängigen Teile von EMC, wie VMware, Pivotal und RSA werden unter der neuen Integration im Markt zunehmend zu leiden haben.
 
Doch insgesamt sind sich die Analysten einig darüber, dass die Fusion von Dell mit EMC vom Produktportfolio aus betrachtet, sehr sinnvoll ist. "Natürlich gibt es Überschneidungen bei den Produkten und es wird schwieriger bei der Hardware-Neutralität, aber Konkurrenz und gleichzeitige Kooperation sind in der IT-Welt nichts ungewöhnliches", sagt Charles King, Principal Analyst bei Pund-IT.
 
Riskante Plattform-Abhängigkeit
Dells Plattform-Strategie wurde zwar durch die EMC-Akquisition deutlich erweitert, aber sie ist hochriskant. Zum einen besteht fortlaufend die Gefahr, dass einzelne Angebote zu austauschbar werden und nur noch über den Preis verkauft werden können. Zum anderen gibt es weiterhin den Trend, dass viele IT-Aufgaben von der In-House-IT in die Cloud verlagert werden. Hierzu bietet Dell mit Virtuestream zwar auch entsprechende Möglichkeiten an, doch ob diese Cloud-Plattform erfolgreicher sein wird, als die vCloud, die VMware vor kurzem verkauft hat, ist fraglich.
 
Gelsinger ist da wohl selber sehr skeptisch. Er sprach sehr viel von VMwares Cross-Cloud-Architektur, über die die Anwendungen nicht nur auf VCloud und Virtuestream verschoben werden können, sondern vor allem auch auf Amazons AWS, IBMs Softlayer, Microsofts Azure und Googles Compute Platform. Die zugehörige Demo zeigte dann auch folgerichtig ein Beispiel mit AWS.
 
Fazit: Erstens, für In-House-Anwendungen stehen modernste Hardware, Netzwerke und IT-Management-Tools bereit, die auf das gesamte bisherige Dell- und EMC-Produktportfolio aufsetzen. Hier will man auch weiterhin mit viel Forschung und Entwicklung eine führende Position einnehmen. Zweitens, der Cloud-Zug ist abgefahren. Amazon, Microsoft, IBM und Google kann man nichts Ernsthaftes entgegensetzen. Hier versucht man es jetzt mit umfangreichen und tiefgreifenden Kooperationen.
 
47 Prozent des Umsatzes im Channel
Problematischer als die Zusammenführung der jeweiligen Technologien ist jedoch die Integration im Vertrieb, vor allem im Bereich des Partnergeschäftes. Zwischen den EMC-Partnern und den VMware-Partnern gab es zwar schon immer Reibungsflächen, doch gegenüber der massiven Dell-Partnerorganisation hat der klassische EMC-Channel
VMware-Chef Pat Gelsinger.
einen schweren Stand. "Viele Partner haben sich noch nicht mit der neuen Situation abgefunden und verharren in einer Art Wait-and-See-Haltung", sagt Dells Partnerchef Marius Haas. Dabei ist dieses Vertriebsbein für Dell sehr wichtig. Von den insgesamt angepeilten 75 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Geschäftsjahr sollen 35 Milliarden Dollar über den Channel generiert werden. Laut Haas würde das ein zweistelliges Wachstum im Partnergeschäft darstellen.
 
Eine Strategie ohne Angebote
Nicht nur beim Umsatz ist Dell auf seine Partner angewiesen. Besonders gross ist die Abhängigkeit bei den inhaltlichen Zielen des Unternehmens. "Wir wollen der kompetente Partner für die digitale Transformation sein", lautet die neue Dell-Devise. Michael Dell und seine Topmanager sprachen deshalb auch weniger von den gegenwärtigen und kommenden technischen Herausforderungen der IT-Systeme, sondern vor allem über die "Digitale Transformation". Schlagworte, wie disruptive Geschäftsprozesse, vorausschauende Business-Strategien, Analytics, künstliche Intelligenz, Deep- und Machine-Learning, Predictive Maintenance und das Internet der Dinge (IoT) bestimmten die Keynotes und die parallelen Gesprächsrunden.
 
Das alles erinnerte an die frühere IBM. In den 70er, 80er und 90er Jahren war IBM fokussiert auf Hardware und Betriebs-Software. Doch am liebsten redete man darüber, was die Kunden alles Tolles mit den IBM-Systemen machten. Diese Kommunikations-Strategie ist jetzt die Vorlage bei Dell.
 
Zwei typische Beispiele dafür waren die Auftritte von Vertretern von JLR (Jaguar Land Rover) und Nike. Beide Unternehmen nutzen Dell und EMC intensiv im Design und im Engineering, doch eben nur die Dell-EMC-Plattformen. Die Anwendungssoftware – und damit das, was die digitale Transformation schliesslich ausmacht – stammt von Partnern oder wird selbst entwickelt.
 
Also: Natürlich begünstigt eine schnellere und kostengünstigere Plattform die digitale Transformation, aber sie ist davon unabhängig. Wichtiger sind neue Business-Modelle und die zugehörigen Anwendungen, und hier hat Dell nichts im Portfolio. Ausserdem können diese auch komplett in der Cloud ablaufen, also ohne Dells Infrastruktur. Im Umkehrschluss ist es aber auch so, dass Dell seine Plattformen natürlich auch an Unternehmen verkaufen kann und will, die nichts mit der digitalen Transformation am Hut haben, die ganz einfach nur ihre bestehenden Abläufe beschleunigen und vereinfachen möchten.
 
"Schweizer IT deutlich über dem Durchschnitt"
Da Dell und EMC in vielen Unternehmen vertreten sind haben deren Manager natürlich auch einen guten Überblick darüber, wie die IT-Situation gegenwärtig ist. Inside-channels.ch sprach mit dem EMEA-Chef Aongus Hegarty unter anderem darüber, wie er die IT-Landschaft in der Schweiz einstuft. "Ganz klar, die Firmen in der Schweiz und auch in Deutschland sind in puncto Transformation deutlich weiter fortgeschritten als der Durchschnitt, und das umfasst Unternehmen aller Grössenordnungen", lautet sein Lob an diese IT-Manager.
 
Die Ursachen dafür sind seiner Einschätzung nach vielfältig. Hierzu gehören internationale Konkurrenz, das Vordringen von Branchenfremden in neue Märkte und viele neue Auflagen. Doch einer der Hauptgründe ist eine Art Wechselwirkung zwischen den CEOs und CIOs. "Einerseits möchte das Topmanagement so schnell wie möglich neue Geschäftsmodelle entwickeln, andererseits sehen auch die CIOs aufgrund der technologischen Möglichkeiten viele neue Business-Chancen. Beides verbindet sich dann zu einem selbst-antreibenden Business- und Technologie-Ansatz, der sehr schnell erste Früchte tragen kann", so Hegarty über die Situation bei den Schweizer Anwendern. (Harald Weiss, Las Vegas)
 
Hält das neue Partnerprogramm, was es verspricht? Wir haben mit der Schweizer Channel-Chefin Simone Oesch und Co-Chef Achim Freyer gesprochen und Stimmen von Schweizer Resellern eingeholt.