Die Schweiz an der CeBIT: Veni, vidi, vici?

Marcel Dobler, Nationalrat und ICT-Switzerland-Präsident und Botschafterin Christine Schraner Burgener an der CeBIT.
Was die Schweiz in Hannover präsentiert und wie.
 
Es ist eine Art Schulreisli: Hinter einem Schild am Stecken marschiert die Schweizer Delegation an die CeBIT, die dieses Jahr mit 200'000 Besuchern rechnet. Die Schweizer Delegation ist geschätzte 65 Persönlichkeiten stark. bestehend aus gerade mal zwei Nationalräten, einer ist der neu gewählte ICTswitzerland-Präsident Marcel Dobler, Vertretern von Hochschulen und Fachhochschulen, Schweizer Software-Schmieden, Security-Experten, E-Government-Vertretern und Konzern-Lobbyisten.
 
Und mittendrin die Schweizer Botschafterin Christine Schraner Burgener. Sie vertritt Bundesrat Schneider-Ammann, der seine Teilnahme absagte, weil er keine "hochkarätigen bilateralen Gesprächstermine auf höchstem Level erhalten hat,“ so die Botschafterin erfrischend offen.
 
Zu besichtigen gilt es nicht die internationale Konkurrenz, sondern heimische Businessideen und Produkte. Die Schweiz ist beim CeBIT-Ranking weit oben: Platz fünf in Sachen Standfläche und Platz vier in Anzahl Ausstellern. Über 30 Aussteller sind im Schweizer Pavillon, weitere in der Startup-Halle "Scale11".
 
Der erste Programmpunkt: Der Smartshuttle der Post, wie er in Sion im Einsatz ist. Nun rollt er im gemächlichen Tempo durch eine riesige Durchgangshalle, vorbei an Hindernissen, die ihm als Orientierungshilfe dienen, und dem schnurgeraden roten Teppich für die Besucher.
 
Prominent platzierter Sioner Bus
Das ist eine clevere, weil prominente Platzierung. Einzig ein bisschen enttäuscht zeigte sich am Vorabend schon Angela Merkel: Sie wäre gerne in einem selbstfahrenden Bus chauffiert worden, aber musste lernen "Politiker brauchen noch einen Chauffeur".
 
Nebenbei lernt man, dass die Busse momentan noch wartungsintensiv sind, steckt doch kein erfahrener Busbauer dahinter, sondern eine Software-Firma. Aktuelles Problem: Eine der automatischen Türen schliesst nicht richtig. Nebenbei lernt man auch noch, dass sich tatsächlich eine Versicherung gefunden hat, welche gewisse Risiken auch versichert.
 
Im Reich der Startups
Die Delegation rauscht in die Startup-Halle, in der die Schweiz 100 Quadratmeter mit Startups bespielt. 19 Startups hat ICTswitzerland an die CeBIT gebracht, offenbar muss man ihnen den Nutzen näher bringen. In diesem so genannten "Ökosystem" von Dutzenden von Jungfirmen ist am Vormittag der Mangel an Extrovertiertheit deutlich sichtbar: Alle stieren in Smartphones und Bildschirme.
 
Im Zentrum der Halle 6 leuchtet elegant rot-weiss der Swiss Pavillion aus der Masse, rundherum, fast schützend präsentieren sich die etablierten Firmen, die Startups tummeln sich mitten drin.
 
An diesem Tag zeigt BestMile seine Flottenmanagement-Software für SmartShuttles, die RegTec-Firma Qumram, soeben Gewinner des Swiss FinTech Awards, präsentiert, wie sie alle Kommunikation, von der Mausbewegung über Chats bis zu Whatsapp oder LinkedIn aufzeichnen und abspielen kann. Auf viel Publikumsinteresse stösst die Technologie von Advertima, welche anhand von Gesichtern analysiert, wer vor einem Bildschirm steht, Geschlecht und Alter einschätzt und dann passende Inhalte und Werbung anzeigen will. Noch sind die Resultate diskutabel: So schätzte die Advertima Engine den Journalisten zehn Jahre jünger. "Das liegt vermutlich am Licht", erläutert einer der Jungunternehmer. Doch das System lerne mit jeder Interaktion, und 2020 wolle man Keyplayer in den Medien ersetzen, kündigt das Startup aus St. Gallen an.
 
Zwischen "Züricher Geschnetzeltem von der Poulardenbrust" und Pitches lernt man, dass es in der Schweizer Botschaft in Berlin regelmässig Startup-Pitch-Events gibt. Etwa zwei pro Jahr, wie Botschafterin Schraner Burgener inside-it.ch erklärt. Pitchen können nicht nur Tech-Startups, sondern Jungfirmen aus allen Branchen, welche deutsche Firmen treffen wollen. Selbständig bewerben aber könne man sich nicht, betont die Botschafterin, man werde ausgesucht.
 
Der Schweizer Pavillon macht einen überzeugenden Eindruck, formal und inhaltlich. Bei den Keynotes überrascht die Schweiz speziell positiv mit einer Keynote über Blockchain. Das "B-Wort" wird in Hannover in anderen Ständen und Hallen nicht angesprochen. Die Schweiz versucht, Zug und Zürich vor internationalem Publikum zu profilieren, auch wenn die Welt noch meilenweit von Produktionsanwendungen entfernt ist.
 
IT-Probleme an der IT-Messe
In all dem Trubel von Digitalisierung, Businesschancen, wegweisenden Lösungen und enthusiasmierten IT-Experten stört die technologische Gegenwart die Besucher wie ein böser Saboteur: Im Security-Forum kämpfen die Organisatoren mit den unterschiedlichen Notebooks der Redner, alles verzögert sich. Und das WLAN kämpft mit den Concurrent Usern. Ganz nebenbei hört man zum Innovationspark Dübendorf, dort kämpfe man mit "Legacy-Systemen". Mit dem Flugbetrieb auf den Pisten und Asbest in den Hangars, wie ein IT-Entscheider säuerlich konstatiert. (Marcel Gamma)