Prantl behauptet: Wir brauchen die Robotersteuer

Zur "Humanisierung" der Digitalisierung werden wir eine Robotersteuer brauchen, so unser Kolumnist.
 
Letzte Woche ging die Meldung "Bill Gates fordert Robotersteuer" durch die Medien. Zusätzlich provozierte meine letzte Kolumne "Uns werden mit der Digitalisierung die Jobs ausgehen" viele Reaktionen und Diskussionen. Auch wenn sie im Kern – so mein Eindruck aus einigen Gesprächen – nicht bis zur letzten Konsequenz nachvollzogen wurde. Beides ist für mich Anlass genug, mich in diesem Beitrag nochmals dezidiert mit den Folgen des Jobverlusts durch die Digitalisierung auseinander zu setzen.
 
Die Wirtschaft wird KI gnadenlos zur Automatisierung nutzen
Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass momentan die öffentliche "Denkarbeit" bei der dogmatischen Position "wird die Digitalisierung Jobverluste von 50 und mehr Prozent zur Folge haben, oder wird es gar nicht so schlimm, oder wird sie netto sogar mehr Jobs als heute kreieren" stehen bleibt. Aber diese Frage erscheint mir gar nicht (mehr) so wichtig. Denn dass die Digitalisierung in der Form von Künstlicher Intelligenz (KI) und damit gesteuerten Robotern (egal ob physisch greifbar oder nicht) zu einem massiven Jobverlust führen wird, ist für mich bloss eine Frage der Zeit. Und dafür hatte ich in der letzten Kolumne auch eine schlüssige Erklärung geliefert. Nämlich die Art und Weise, wie die Wirtschaft voraussichtlich von KI Gebrauch machen wird.
 
In unserem nach grenzenlosem Wachstum und Effizienzsteigerung lechzenden Wirtschaftsmodell – von dem übrigens der grösste Teil der IT-Industrie aktuell massiv profitiert und es gleichzeitig auch befeuert – ist es zu mindestens sehr, sehr wahrscheinlich, dass der ganze Segen aus der Digitalisierung für eben diesen Zweck auch genutzt werden wird. Und zwar bis zur Grenze des Legalen. Jede andere Schlussfolgerung wäre naiv. Und wenn dem so ist, dann bewegen wir uns eher schneller als langsamer in Richtung einer Welt ohne (Erwerbs-)Jobs.
 
Ich bin ein liberal denkender und auch handelnder Mensch und der festen Überzeugung, dass Erfolg geleistet und selbstverantwortet werden muss. In diesem Sinne begrüsse ich die technologische Entwicklung mit offenen Armen, erkenne ihre Chancen für eine bessere Welt und freue mich selbst wie ein kleines Kind über jede coole Innovation, die uns (vermeintlich) das Leben einfacher machen soll. Als kritischer Zeitgenosse muss ich aber auch erkennen, dass mit der Digitalisierung ein grundlegender Wandel im Gange ist, der die Art und Weise wie wir künftig arbeiten und unsere Brötchen verdienen werden, komplett auf den Kopf stellen wird.
 
Digitalisierung muss "human" gestaltet werden
Wenn wir uns also in Richtung einer erwerbslosen Welt bewegen, dann müssen wir uns zwingend damit auseinandersetzen, wie wir diesen Shift ohne Katastrophe hinbekommen. Die Politik – wenigstens ein Teil davon – würde jetzt sagen, wir müssen das „sozialverträglich“ tun.
 
Mir gefällt der Begriff "humaner" deutlich besser, weil er sich wesentlich näher an der eigentlichen Ursache bewegt. Unter "human" verstehe ich nämlich die grundlegende Erkenntnis, dass wir uns als Gesellschaft wieder daran erinnern müssen, den Menschen konsequent als Zweck und nicht als Mittel zum Zweck zu betrachten und zu behandeln. Und dabei wieder zu erkennen, dass die Wirtschaft den Menschen dienen muss und nicht umgekehrt, wie ich täglich den Eindruck bekomme.
 
In diesem Zusammenhang möchte ich auf den treffenden Gastkommentar von Martin Booms vom 1.2.2017 in der 'NZZ' mit dem Titel "Der Mensch als Zweck und nicht als Mittel: Der Liberalismus als Humanismus" hinweisen. Er ist nicht zuletzt der Meinung, dass rechtsnationalistischer Populismus gerade aufgrund der Prioritätenverschiebung von Zweck und Mittel überhaupt erst entstehen und gedeihen kann.
 
Damit lässt sich beispielsweise auch erklären, wie Millionen von Menschen einen Präsidenten wählen können, der eigentlich diametral entgegen ihre Interessen denkt und in seinem ganzen Leben auch immer so gehandelt hat und das mit Sicherheit auch weiter tun wird.
 
Natürlich gilt das aber nicht nur im Grossen, sondern auch im Kleinen. Beispielsweise viele über 50jährige, gut qualifizierte und erfahrene IT-Fachleute, die in den letzten Jahren von ihren Arbeitgebern „dem freien Arbeitsmarkt zugeführt wurden“, verstehen wohl sehr gut, was ich mit der Unterscheidung von Mittel und Zweck meine.
 
Robotersteuer kann "Erwerbslosigkeit" grundfinanzieren
Eine Robotersteuer könnte nun die sich abzeichnenden Folgen der Digitalisierung in den Griff bekommen. Wenn nämlich KI viele auch hochwertige Jobs vernichtet und uns damit die Grundlage für ein Erwerbseinkommen entzogen wird, dann müssen wir zwingend darüber nachdenken, wie wir das "human" gestalten können. Womit wir bei so etwas wie einem (bedingungslosen) Grundeinkommen angekommen sind. Und dieses muss natürlich finanziert werden, beispielsweise durch eine Robotersteuer. Eine Idee, die – das wusste ich selbst nicht – schon gut 200 Jahre alt ist. Dass sie sich bis heute nicht durchsetzen konnte ist aber meiner Meinung nach kein Beweis dafür, dass sie schlecht ist, sondern nur dafür, dass ihre Zeit noch nicht gekommen war. Mit der auf den Arbeitsmarkt disruptiv wirkenden Gewalt der Digitalisierung könnte ihre Stunde nun aber bald gekommen sein.
 
Was mir übrigens bei der Argumentation pro Robotersteuer von Bill Gates ebenfalls gefällt ist seine Feststellung, dass eine solche das Tempo des digitalen Wandels zusätzlich würde bremsen helfen. Vielen Menschen (und Unternehmen) würde das verlangsamte Tempo mit Sicherheit helfen, sich erfolgreich anzupassen. Nicht zuletzt den oben erwähnten IT-Fachleuten, die zum "Alteisen" geworfen wurden. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (54) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 begleitet er Unternehmer aus der IT- und Softwarebranche auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.