Exklusiv! Swisscom verbockt Cloud-Projekt

SRG bricht das Projekt Enterprise Cloud mit Swisscom ergebnislos ab. Grund: Swisscom erreichte die angepeilten Ziele (wieder) nicht.
 
Vor ziemlich genau zwei Jahren herrschte noch Minne zwischen Swisscom und der Cloud-Kundin SRG. "Swisscom baut bis 2019 eine cloudbasierte Plattform für die IT-Infrastruktur der SRG," hiess es in einer Medienmitteilung vom 26. März 2015. Ziel war es, eine neue technische Infrastruktur für die digitale Medienproduktion der SRG zu bauen.
 
Unterdessen ist das Projekt "Enterprise Cloud" gescheitert. Die SRG hat das Projekt gestoppt und evaliert nun, ob sie die Cloud selbst bauen wird oder wieder einen Partner dafür sucht. Swisscom-Cloud-Chef Marcel Walker schrieb in einer internen Mail von "Vertrauensverlust" des Kunden. Von Insidern ist zu hören, dass Swisscom es nicht zustande gebracht habe, die Cloud stabil zum Laufen zu bringen: "Es gab tagelange Ausfälle".
 
Die Presseabteilungen von SRG und Swisscom üben sich derweilen in Schadensbegrenzung: Die SRG wolle das Cloud-Projekt mit Swisscom "neu aufgleisen", schreibt Pressesprecher Daniel Steiner in einer E-Mail an inside-it.ch. Seitens Swisscom heisst es: "Wir halten fest an unserer Cloud-Strategie", wie Sprecherin Ann-Kristin Koch schreibt. Die SRG strebe weiterhin eine IaaS-Gesamtlösung für Enterprise- und Business-Applikationen an. Swisscom komme als Provider weiterhin in Frage, möglich sei aber auch, dass die SRG das Projekt intern umsetze, so Steiner. Das ist höflich formuliert, denn Swisscom wird nach dem Flop des Cloud-Projekts bei der SRG nicht mehr allzu viele Freunde haben.
 
Die Frage, ob Swisscom eine Konventialstrafe bezahlen muss, wollten weder Koch noch Steiner beantworten.
 
Zweiter Anlauf mit proprietärer Lösung
Das Projekt "Enterprise Cloud 1.0", aus dem die SRG nun ausgestiegen ist, baute auf eigene Hardware (von Quanta) und Open-Source-Cloud-Software. "Unser Architekturansatz für die Enterprise Cloud 1.x war sehr visionär und zukunftsgerichtet, wir mussten Komplexität rausnehmen", schreibt Koch.
 
Im Juni 2016 hat man bei Swisscom dann einen intern stark umstrittenen Technologie-Entscheid gefällt. Die "Enterprise Cloud 2.0" wird mit proprietärer Hard- und Software von VMware, VCE und Dell EMC gebaut.
 
Was mich nicht umbringt,...
Mit einem Angebot für IaaS (Infrastruktur as a Service) begibt sich Swisscom in einen äusserst umkämpften, von Preiskämpfen durchgeschüttelten Markt. Swisscom muss gleichzeitig versuchen, preislich gegen Konkurrenten wie AWS und Microsoft nicht allzu sehr abzufallen und die Technologie in den Griff zu bekommen. Bereits ist man im Rückstand, denn Konkurrent T-Systems ist mit "Open Telekom Cloud" schon seit einem Jahr auf dem Markt.
 
Das Projekt "Enterprise Cloud 2.0" dürfte deshalb Swisscom-intern mit Argusaugen beobachtet werden. Mit der SRG ist einer von nur drei Kunden für das Projekt ausgestiegen. Die anderen zwei sind Swiss Re und Schindler. Das Projekt sei nicht gefährdet, schreibt Koch optimistisch: "Wir werden weiterhin in den Aufbau der Cloud Services in der Schweiz investieren und damit auch Erfolg haben, davon sind wir überzeugt. Erfolge und Rückschläge gehören beide dazu, wir lernen daraus und sie machen uns stärker." (Christoph Hugenschmidt)

Unser Kommentar:

Der Abbruch des Projekts Enterprise 1.0 durch die SRG ist im besten Fall ein sehr lauter Schuss vor den Bug von Swisscom. Im schlechteren Fall ist es der Anfang vom Ende des gewagten Projekts, im IaaS-Markt Fuss zu fassen.
 
Dass eine Swisscom-Sprecherin Friedrich Nietzsche zitiert ("Was mich nicht umbringt, macht mich stärker") ist ein deutlicher Hinweis: Wir leben in interessanten Zeiten. (Christoph Hugenschmidt)