"Dynamics 365-Implementierung mit Schweizer Lokalisierung ist möglich"

Frank Naujoks, Lead Dynamics Ax bei Microsoft Deutschland.
Dynamics 365 soll die separaten Cloud-Lösungen für ERP und CRM zusammenführen. Frank Naujoks, Lead für Dynamics Ax bei Microsoft Deutschland, erläutert Lokalisierung, Hosting, Preismodelle und Vertriebspartner für die Schweiz.
 
inside-channels.ch: Was wird nach der Einführung von Dynamics 365 aus den On-Premise-Lösungen Dynamics Nav und Dynamics Ax?
Frank Naujoks: Die bisherigen On-Premise-Lösungen führt Microsoft weiter. Von Dynamics 365 for Operations sind in diesem Jahr die Versionen Cloud, Hybrid und On Premise verfügbar. Als On-Premise-Variante bieten wir das bisherige Dynamics Ax 2012 R3 an, und als Cloud-Variante Dynamics Ax 7, das seit November 2016 unter Dynamics Ax for Operations firmiert. Voraussichtlich im April starten wir mit der Preview-Phase einer On-Premise-Variante von Dynamics 365 for Operations.
 
Wie unterscheiden sich die Inhouse-Version und die Cloud-Variante von Dynamics 365 for Operations?
Frank Naujoks: Die Code-Basis beider Varianten ist gleich, daher sind auch die Funktionalitäten nahezu identisch. Kleinere Einschränkungen sind dem Deployment-Modell geschuldet. So sind beispielsweise Power BI, Machine Learning und das Cloud-basierte Disaster Recovery bei der Inhouse-Variante nicht verfügbar.
 
Wie sieht es mit einer Hybrid-Variante aus?
Frank Naujoks: Der Hybrid-Betrieb von Dynamics 365 for Operations ist möglich. Unternehmen können nach eigenen Vorlieben einzelne Module als lokal installierte Versionen betreiben. Kombiniert mit einer angeschlossenen Cloud-Connection, über die dann Daten in die Cloud repliziert werden. Dank dieser Replikation laufen in der Hybrid-Variante auch Power BI und Machine Learning.
 
Wer tritt bei Dynamics 365 als Hosting-Partner auf? Wie ist das in der Schweiz?
Frank Naujoks: Microsoft betreibt weltweit über 100 eigene Rechenzentren, in denen Dynamics 365 angeboten wird. Schweizer Kunden werden überwiegend aus den Rechenzentren in Irland und den Niederlanden bedient. Sie können das Rechenzentrum frei wählen.
 
Wird Dynamics 365 auch in der Deutschland Cloud erscheinen? Wenn ja: wer leistet den Support für die Branchenlösungen?
Frank Naujoks: Dynamics 365 for Sales ist bereits in der Deutschland Cloud als Preview verfügbar, und einige deutsche Kunden nutzen das bereits. Die weiteren Komponenten werden in diesem Jahr sukzessive folgen. Inwieweit auch die Business Edition in der Microsoft Deutschland Cloud verfügbar wird, ist noch nicht entschieden. Den Support für die Microsoft-Komponenten leistet T-Systems, für die Branchenerweiterungen sind die jeweiligen Partner zuständig.
 
Können Schweizer Kunden in der Deutschland-Cloud eine lokalisierten Variante von Dynamics 365 betreiben?
Frank Naujoks: Ja, sie können mit ihrem System in die Microsoft Deutschland Cloud, wo T-Systems als Datentreuhänder fungiert. Auch eine Implementierung mit Schweizer Lokalisierung ist dort möglich. Ob allerdings die Deutschland Cloud Unternehmen aus der Schweiz juristische Vorteile bringt, müssen sie selbst klären. Immerhin ist ein deutsches Rechenzentrum aus Schweizer Sicht Ausland.
 
Wie ist das Preismodell für die Deutschland-Cloud im Vergleich zur Microsoft-Cloud Irland?
Frank Naujoks: Die Preise für den Datentreuhand-Service von T-Systems veröffentlicht Microsoft mit der offiziellen Verfügbarkeit der jeweiligen Produkte. Bei den Microsoft-Rechenzentren gibt es keine Preisunterschiede zwischen den Regionen.
 
Welche Funktionen umfasst die Business Edition von Dynamics 365, und wann wird sie in der Schweiz verfügbar?
Frank Naujoks: Die Business Edition von Dynamics 365 enthält eine Cloud-Finanzlösung auf Basis von Dynamics Nav. Hinzu kommen Sales und Marketing. Die Business Edition zielt auf Unternehmen zwischen zehn und 250 Mitarbeitern und wird ausschliesslich in der Cloud angeboten. Sie ist derzeit ausschliesslich in den USA und Kanada verfügbar und 2017 für Deutschland und die Schweiz angekündigt.
 
Wie viele Vertriebspartner für die Cloud haben Sie in Deutschland und in der Schweiz?
Frank Naujoks: Jeder Microsoft-Dynamics-Partner und jeder Microsoft Partner mit einer Zertifizierung als Cloud Solution Provider kann Dynamics 365 anbieten. Cloud Solution Provider ist ein eigenes Zertifikat, das ursprünglich aus der Office-Welt kommt. Es zielt auf Kunden, welche die für Enterprise Agreements nötige Mindestabnahme von 500 Arbeitsplätzen nicht erreichen. Die 500 Arbeitsplätze müssen übrigens nicht alle Dynamics-Lösungen betreffen.
 
Über den Web-Store AppSource können Anwender zusätzliche Software as a Service-Lösungen einkaufen. Wie viele Partner entwickeln bislang für diesen Store?
Frank Naujoks: Aktuell sind bei AppSource etwa 240 Lösungen verfügbar, beispielsweise von Robert Bosch, Implexis und Sycor. Wir gehen davon aus, dass künftig jeder Partner, der für Dynamics Ax oder für Dynamics 365 eine Branchenlösung entwickelt, diese in AppSource verfügbar macht. Eine Zertifizierung sichert die Qualität der Lösungen in diesem Store.
 
Die Dynamics-Apps sollen Anwender unabhängig voneinander betreiben können und dabei ausschliesslich das zahlen, was sie nutzen. Lassen sich diese Apps auch mit den bisherigen On-Premise-Lösungen koppeln?
Frank Naujoks: Wenn es um die Funktionalität einzelner Microsoft-Module geht, lautet die Antwort ja. Schon heute lässt sich beispielsweise Dynamics Ax 2012 mit Dynamics CRM verknüpfen. Bei den Branchenerweiterungen der Partner ist das eine Frage der Schnittstelle. Ob das im Einzelfall möglich ist, müssen die Partner beantworten.
 
Mit Dynamics 365 und Office 365 sollen sich strukturierte ERP-Workflows mit den Collaboration-Workflows der Office-Suite verknüpfen lassen. Ist eine derartige Koppelung auch mit den On-Premise-Versionen von Dynamics Nav und Ax möglich?
Frank Naujoks: Ja. Dynamics 365 verfügt über ein Common Data Model und eine einheitliche Benutzeroberfläche. Sämtliche Funktionen lassen sich modulübergreifend mit einem gemeinsamen Master Data Management verknüpfen.
 
Bei den Gebühren für Dynamics 365 sollen Anwender zwischen einem Applikations-abhängigen und einem User-basierten Modell wählen können. Wie sieht das Preismodell im Detail aus?
Frank Naujoks: Bei der Enterprise Edition kennt das Lizenzmodell zwei User-Typen, nämlich Team User und Full User. Anwendungen wie beispielsweise eine Kassenlösung lassen sich darüber hinaus pro Device lizenzieren. Die Anwendungen Operations, Sales, Field Service, Customer Service können entweder einzeln oder im Paket geordert werden. Plan 1 enthält sämtliche CRM-Komponenten, Plan 2 umfasst zusätzlich die ERP-Funktionalität.
 
Wie unterscheiden sich Team User und Full User?
Frank Naujoks: Team User beziehen sich beispielsweise auf das Abrechnen von Reisekosten oder die Freigabe von Bestellungen, während Full User entweder das Komplettpaket inklusive CRM oder aber ausschliesslich die ERP-Funktionen nutzen können. Preislich liegen die beiden Varianten eng beisammen: 190 Dollar pro Monat und Anwender für ERP, 210 Dollar pro Monat für ERP und CRM. Wir sagen den Kunden damit, dass sie sich wenig Gedanken über die User-Typen machen müssen, sondern idealerweise grosszügig sämtliche Funktionen lizenzieren können.
 
Von der SAP-Anwendervereinigung hören wir, dass Unternehmen in der Cloud aktuell Module wie CRM oder Personalverwaltung betreiben. Bis das komplette ERP-System in die Cloud wandert, werde noch dauern. Wie lautet Ihre Prognose für ERP in der Cloud? Gibt es hierbei Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz?
Frank Naujoks: Auch Microsoft beobachtet im gesamten deutschsprachigen Raum unterschiedliche Modelle der Cloud-Nutzung, die von einzelnen Modulen wie Personal bis hin zu kompletten Systemen reichen. Generell interessieren sich Manager gerade dafür, möglichst viel Funktionalität in die Cloud zu verschieben. Einige grössere Betriebe betreiben teilweise im Haupthaus ein On-Premise-System und migrieren die Tochtergesellschaften in die Cloud. Im Hybrid-Modell können Unternehmen beispielsweise ihre Produktionssteuerung on premise betreiben und ihr Finanzsystem und ihre Personalverwaltung aus der Cloud nutzen.
 
Wie sieht es mit dem Customizing von Cloud-Systemen aus?
Frank Naujoks: Beim Customizing ist inzwischen auch in der Cloud deutlich mehr möglich als früher. Gleichzeitig ist allerdings der Bedarf dafür gesunken, weil die Module bereits im Standard mehr Funktionalitäten abdecken. So erforderte beispielsweise der gesetzlich vorgeschriebene Nachweis von exportieren Waren bei Dynamics Ax 2009 eine Sonderprogrammierung. In Dynamics Ax 2012 ist diese Funktionalität bereits im Standard enthalten. Viele Anpassungen aus der Vergangenheit können inzwischen entfallen. Wir gehen daher davon aus, dass sich einige Unternehmen beim turnusmässigen Wechsel der Hardware die Frage stellen, ob sie nicht das komplette System oder zumindest Teile davon in die Cloud schieben. Schliesslich können Microsoft-Rechenzentren in Sachen Hochverfügbarkeit und Datenschutz deutlich mehr als jedes unternehmenseigene Rechenzentrum. (Gespräch: Jürgen Frisch)