"Wir sind eher eine Art Bürgerbewegung“

Mit "Digitalswitzerland" wollen grosse Namen der Schweizer Wirtschaft die Digitalisierung vorantreiben. Vorstandsmitglied und EY-CEO Marcel Stalder über Prioritäten, KMUs und bundesrätliche Pläne.
 
"Vermutlich warme Luft“, war noch einer der freundlicheren Kommentare, den IT-Branchenvertreter hinter vorgehaltener Hand äusserten, als Ringier-CEO Marc Walder, Post-Chefin Susanne Ruoff und andere "Digital Zurich 2025" ankündigten. Andere ignorierten die Gruppe von Konzern-CEOs komplett, dazu scheinen auch die ICT-Verbände zu gehören.
 
Für Irritation sorgte teilweise, als die Gruppe beanspruchte, Initiativen wie das World Web Forum "lanciert" zu haben, welche schon existierten.
 
Heute, 18 Monate später, beginnt sich dies zu ändern. Die Verantwortlichen warfen erst die selbstauferlegten geografischen und zeitlichen Grenzen über Bord und nannten sich “Digitalswitzerland”. Nicht zu verwechseln mit ICTswitzerland oder der Plattform digital.swiss. Wirklich Aufsehen erregte kürzlich ein Treffen von geladenen "Digital Shapern“, welche in Bundesbern ein "digitales Manifest" für die Schweiz verabschiedeten. “Bin schon etwas stolz, dass ich bei der Geburt dabei war. Bin gespannt, wie sich das Kind entwickelt”, twitterte Ergon-Gründer und VR Patrick Burkhalter anschliessend. “Das war ein Startschuss. Dass sich die Branche jetzt so formiert, ist für die Wirtschaft enorm wichtig”, sagte SVP-Nationalrat und Green-Mitbesitzer Franz Grüter in der ‘Bilanz’.
 
Damit und mit Neu-Mitgliedern wie Avaloq scheinen nun die Digitalisierungs-Anwender auch bei den Anbietern angekommen.
 
Aber welche Strategie verfolgen die Wirtschafts-Schwergewichte konkret? Und welche Rolle sollen klassische Branchenverbände und KMUs spielen? Oder sind sie überflüssig? Inside-it.ch sprach mit Marcel Stalder, CEO von EY Schweiz und Mitglied des Excecutive Committees von Digitalswitzerland über genau dies.
 
inside-it.ch: Digitalswitzerland bezeichnet sich als “Standortinitiative”. Was ist der Unterschied zu einem Verband?
Marcel Stalder: Bei der Standortinitiative Digitalswitzerland geht es um Aktivitäten, welche die Schweiz bezüglich Digitalisierung als Ganzes stärken, ihre Wirtschaft, ihre Bildungsinstitutionen und ihre Rahmenbedingungen. Initiiert wurde sie durch Ringier-CEO Marc Walder, welcher früh merkte, dass die Schweiz im globalen Digitalisierungswettbewerb Terrain zu verlieren droht. Wir alle wissen, dass die Schweiz als Land ohne Rohstoffe auch in der 4. Industriellen Revolution nur dann als einer der Gewinner hervorgehen wird, wenn sich zum Thema Digitalisierung jetzt etwas bewegt. Irgendwer musste dafür sorgen, dass die Schweiz gegenüber Berlin, London, Tel Aviv und dem Silicon Valley wieder aufholen kann.
 
An der Gründungsveranstaltung waren neben Economiesuisse viele bekannte Schweizer Unternehmen und Institutionen vertreten. Wir haben gemeinsam über die kritischen Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung der Schweiz diskutiert, die es uns ermöglichen werden, nach verlorenem Sprint den Langstreckenlauf zu gewinnen.

Was heisst das konkret?
Marcel Stalder: Unser Ziel ist es, die Schweiz als digitalen Innovations-Hub in Europa zu etablieren. Digitalisierung, inklusive Industrie 4.0 und Internet der Dinge, führt zu einer fundamentalen Veränderung des Marktes. Sie führt auch zur Verschiebung von Branchengrenzen und zum Entstehen neuer, disruptiver Unternehmen.
 
Dabei geht es nicht nur um Startups, sondern um die gesamte Schweizer Wirtschaft, insbesondere auch um die KMUs, welche die Schweizer Wirtschaft tragen und genauso im globalen Wettbewerb stehen, wie die grossen Konzerne. Wir wollen der ganzen Schweizer Wirtschaft helfen, für die neue Realität bereit zu sein.
 
Die Schweiz ist laut INSEAD-Studie globaler Leader in Innovation. Aber viele Jobs entstehen anderswo. Auch haben wir ein Funding-Problem bei Startups. Wenn wir das lösen können, dann können wir die Firmen hier halten. Grundsätzlich ist ja die Schweiz mit ihrer politischen Stabilität, der Währungssicherheit, den Bildungsinstitutionen und dem vorhandenen Kapital sehr gut aufgestellt.

Startups, Steuern und die Schweiz
Rückblende: Schritt für Schritt zeigte sich 2016 in Aktivitäten, in welchen fünf Arbeitsfelder Digitalswitzerland agieren will: Man will die regulatorischen, steuerlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen auch für internationale Investoren attraktiver machen. Mit einer Bildungsoffensive will man dem Fachkräftemangel begegnen und Talente fördern, so stellte man eine eine Digital Education Plattform vor, die Kurse unterschiedlicher Anbieter zusammenfassen will, aber auch Google AdWords-Werbeevents als Weiterbildung betrachtet.
 
Mit dem Kickstart Accelerator startete man in Zürich ein Startup-Programm, das auch Bundesrat Schneider-Ammann anlockte. Stolz vermeldet Digitalswitzerland 850 Bewerbungen und man habe 30 Jungfirmen für einen dreimonatigen Aufenthalt nach Zürich eingeladen. “Mit dieser Initiative wurde in der Schweiz auf Anhieb der grösste europäische - branchenübergreifende - Accelerator auf die Beine gestellt, welcher sogar von vermeintlichen Konkurrenten gemeinsam angetrieben wurde,” erläutert Stalder.
 
Zudem setzt man sich mit dem Investor Summit in Zürich für verbesserte Startup-Finanzierung ein. Das World Web Forum diene dazu, die Schweiz international als digitalen Innovationshub zu bewerben. Mit Googles Urs Hölzle und Tim Berners-Lee, der am Genfer CERN das WWW "erfand" sowie Marc Walder von Ringier als Speaker hat es einen, allerdings losen, Werbeeffekt für Schweizer Köpfe und Ideen.
 
Solche Aktivitäten gab es aber schon vorher. Es gibt Informatik-Verbände oder auch Swissmem, Konzerne wie die ABB, die sich digitalisieren und interessierte Politiker. Warum kontaktierte man nicht einfach diese?
Marcel Stalder: Das ist richtig, es gab eine Vielzahl fragmentierter Digitalisierungsinitiativen und Digitalisierungsinteressierte, die verschiedenste Partikularinteressen verfolgten. Was fehlte, war eine gesamtheitliche Bewegung, welche die Schweiz als Ganzes stärkt und damit den Nährboden für Gründer, Investoren, KMUs aber auch für Grosskonzerne insgesamt verbessert. Also eine branchenübergreifende Initiative welche die Wirtschaft, die Bildung und die Politik einbindet.

Das klingt nach Top-Down-Approach. Was hat dies mit KMUs zu tun?
Marcel Stalder: Digitalswitzerland würde ich eher als eine "Bottom-up"-Initiative bezeichnen. Eine "Bürgerinitiative", wenn Sie so wollen, in der jeder mitmachen kann, der hier etwas bewegen möchte. Zugegeben, zu Beginn waren es vor allem CEOs grösserer Unternehmen, welche die Initiative gegründet und gestartet haben. Inzwischen haben wir aber Personen wie Urs Häusler in unserem Vorstand, den Präsidenten der Swiss Startup Association, oder Politiker wie Ruedi Noser oder Fatih Derer aus der Romandie, welche sich seit langem für eine innovative und unternehmerfreundliche Schweiz einsetzen. Digitalswitzerland bindet verschiedenste Branchen sowie sämtliche Landesteile mit ein.

Aber grundsätzlich ist doch die Interessensbasis der Mitglieder-Firmen sehr breit. Was hat denn eine Migros gemein mit der SBB oder EY?
Marcel Stalder: In Bezug auf Digitalisierung haben wir sehr viel gemein.
Wir alle sind darauf angewiesen, gut ausgebildete Talente einstellen zu können, um die digitale Transformation zu realisieren. Wir brauchen in der Schweiz nicht noch mehr junge Leute, als in der Vergangenheit, die das KV absolvieren. Wir müssen unsere Jugend und im Beruf stehende Arbeitnehmer motivieren eine breitere Ausbildung, vermehrt auch in den sogenannten MINT-Fächern zu absolvieren und sich für technische und digitale Bildung und Berufsrichtungen zu interessieren. Auch das Angebot an den Bildungsinstitutionen muss in Richtung neue, digitale Realität weiter entwickelt werden.
 
Zweitens suchen alle Organisationen den Kontakt mit innovativen Ideen im Bereich Digitalisierung und profitieren von der verstärkten Ansiedlung von digitalen Startups, um nur zwei der vielen gemeinsamen Themen zu nennen.

Wie wird man denn Mitglied bei Digitalswitzerland? Ist das ‘By Invitation only’?
Marcel Stalder: Nein, überhaupt nicht. Es gibt viele, die sich selbst melden. Natürlich haben wir uns auch bezüglich Mitglieder-Liste ein Ziel gesetzt. Dies hilft eine repräsentative KMU- und Branchen-Vertretung zu gewährleisten und stellt sicher, dass wichtige Brands beitreten. Wir fragen diese an, ob sie sich mit uns gemeinsam in dieser Digitalisierungs-Initiative für die Schweiz engagieren möchten.
 
Das heisst, auch der Bauernverband könnte Mitglied werden?
Marcel Stalder: Ich habe mich gerade vor Jahresende mit der Leitung von Fenaco, einer Agrargenossenschaft mit über 40‘000 Bauern als Mitglieder, zusammengesetzt und über dieses Thema diskutiert. Auch in der Agrarwirtschaft ist Digitalisierung ein sehr zentrales Thema.
 
Digitalswitzerland ist kein Interessenverband einer einzigen Industrie. Es ist ein Zusammenschluss von KMUs, Startups, und grösseren Unternehmen ebenso wie Bildungsinstitutionen oder Medienunternehmen.

Wenn ich mir die Mitgliederfirmen ansehe und mir all die CEOs vorstelle, die an einem Tisch sitzen, dann frage ich mich, wie man überhaupt eine Traktandenliste erstellen will.
Marcel Stalder: Die Mitglieder-Organisationen sitzen nur an der Jahresversammlung in einem Zimmer. Wir haben ein Steering-Committee, das sich wie ein Verwaltungsrat um langfristige Strategien kümmert. Die Geschäftsleitung umfasst zehn Mitglieder, darunter auch ein Vertreter der Startups, welche sich monatlich treffen. Alle anderen sind Mitglieder des Vereins und beteiligen sich aktiv an den unterschiedlichsten Initiativen.
 
Uns wurde ein Mitgliedschaftsbeitrag von 50'000 Franken genannt. Wie hoch ist er?
Marcel Stalder: Unternehmen ab einer gewissen Grösse zahlen 50'000 Franken Vereinsbeitrag, KMUs zahlen 10’000 bis 20’000 Franken, Startup Unternehmen, Investoren und Privatpersonen zahlen bedeutend weniger.

Was für ein Jahresbudget für die Digitalisierung haben Sie?
Marcel Stalder: Unser neuer Geschäftsführer wird 2017 ein Team von sechs bis acht Leuten aufbauen, um die Aktivitäten voranzutreiben und bekannt zu machen. Dann gibt es den Verein und eine Stiftung, aus der wir die Aktivitäten finanzieren. Wenn Sie die Mitglieder-Firmen zählen und mit 50’000 Franken multiplizieren, dann ergibt dies ein mittleres siebenstelliges Budget. Das ist alles transparent. Zusätzlich investieren die Mitglieder aber natürlich in ihre eigene digitale Transformation.

Sie fokussieren auf die Stärken der Schweiz. Welches sind die Schwächen der Schweiz, welche Sie in der Digitalisierung der Schweiz beiseite lassen?
Marcel Stalder: Die Schweiz ist - relativ gesehen - klein. Wir haben keine Chance, wenn wir “Digital Everything” anstreben. Wir müssen die Digitalisierung mit Bereichen verknüpfen, in denen wir bereits heute international etabliert sind. Aus diesem Grund fokussieren wir auf vier Bereiche:
Das wäre erstens Fintech: Die Schweiz ist ein grosser Finanzplatz und ist im Wealth Management bedeutend. Die Schweizer Grossbanken UBS und CS sind weltbekannt. Smart and
 
Connected Machines sind ein weiterer Fokus. Die Schweiz steht für High-Tech, Präzisionstechnologie und Robotics. Wir sind bekannt mit der ETH, der EPFL, dem CERN und Firmen wie ABB.
 
Drittens ist es Life Sciences. Mit Firmen wie Novartis oder Roche und den dazu gehörenden Ökosystemen ist die Schweiz auch hier ein international führender Platz.
 
Und der Foodsektor zählt ebenso zu den Schweizer Stärken. Mit Nestlé, Migros, Coop und anderen sind wir auch in diesem Bereich international etabliert.
 
An diesen vier Fokus-Bereichen orientieren wir unsere Aktivitäten, wie beispielsweise den Kickstart Accelerator. Das bedeutet, dass unsere Auswahl der Startups nach deren Anwendungsmöglichkeiten für diese vier Bereiche erfolgt.

Warum sind Sie im Vorstand? Was bringt das EY? Man stellt Sie kaum tagelang frei, um ein 'patriotisches Unterfangen' voranzutreiben.
Marcel Stalder: Als Partner und CEO von EY Schweiz bin ich auch Unternehmer. Ich persönlich habe in den Monaten nach der Gründung von Digitalswitzerland rund 20 Prozent meiner Arbeitszeit in diese Initiative gesteckt, das ist sehr viel.
 
Als eines der führenden Beratungsunternehmen des Landes überlegen wir uns natürlich genau, wo wir investieren. Wir wollen aber auch einen gewissen Anteil unserer Energie in die Community investieren. Wenn die Schweiz beim Thema Digitalisierung zurückfällt, hilft das auch EY Schweiz nicht. Wir sind ganz klar an einem starken Wirtschaftsstandort Schweiz interessiert. Die EY Beratungsteams begleiten Unternehmen schon heute ganzheitlich zum Thema Digitalisierung – von der Anpassung der Strategie und der Geschäftsmodelle, bis zur Integration der Backoffice-Prozesse und der Unternehmenskultur. Daher gibt es bei meiner Arbeit für Digitalswitzerland auch immer wieder Schnittstellen, die für unsere eigene Organisationsentwicklung impulsgebend sind.
 
Nach dem Kickstart Accelerator, für den EY Experten als Mentoren und Vortragende kostenlos tätig waren, haben wir mit einem der teilnehmenden FinTech Startup Unternehmen, der Firma Nivaura, bereits eine globale Zusammenarbeit zum Thema Blockchain initiiert.

Dass es Digitalswitzerland überhaupt gibt heisst eigentlich implizit, dass die Politik versagt hat dabei, über die Digitalisierung nachzudenken und Nötiges umzusetzen.
Marcel Stalder: Ich bin ein positiv denkender Mensch, darum überlege ich mir nicht, wer was verpasst hat. Ich frage mich eher: Wen brauchen wir am Tisch, damit die Schweiz zu einer digitalen Hochburg wird.

Sind Sie denn nicht frustriert über die Schweizer Politik?
Marcel Stalder: Nein, ich wäre frustriert, wenn die Politiker sagen würden, was macht ihr hier eigentlich? Aber das Gegenteil ist der Fall. Bundesrat Johann Schneider-Ammann war sofort interessiert und wünschte einen Roundtable mit Startups und einen mit grossen Brands aus dem Finanzbereich. Und er nahm deren Anregungen und Ideen offen entgegen. Diese wurden bereits in einer Bundesratssitzung besprochen.
 
Dasselbe geschah zum Thema Digitalisierung, mit der Zusammenkunft der 100 Leading Digital Shapers des Landes. Das Ergebnis ist ein Digitales Manifest für die Schweiz. Nun wird ein Beirat gegründet, der den Bundesrat in Fragen der Digitalisierung beraten wird. Und Digitalswitzerland soll darin ein wichtiger Stakeholder sein. Die Bundesräte Leuthard, Schneider-Ammann und Maurer sind sehr offen und wissen, dass man hier departmentsübergreifend denken muss. Diesmal kam die Initialzündung aus der Wirtschaft.
 
Man sagt ja oft, die Wirtschaftskapitäne schauen nur für sich und wollen den eigenen Nutzen maximieren. Aber hier sieht man, dass diese auch bereit sind, sich für den Standort Schweiz zu engagieren.

Wie muss man sich den Beirat vorstellen? Wie den deutschen Rat der Wirtschaftsweisen?
Marcel Stalder: Das kann ich Ihnen noch nicht im Detail erklären, da es den Beirat noch nicht gibt. Vielleicht wird er mit dem Beirat "Zukunft Finanzplatz" unter dem Vorsitz von Aymo Brunetti vergleichbar sein, einfach mit Fokus auf Digitalisierung.
 
Ist denn Digitalswitzerland nun der offizielle Ansprechpartner des Bundesrates für die Digitalisierung?
Marcel Stalder: Bundesrat Schneider-Ammann sagte, Digitalswitzerland sei für ihn das relevante Sammelbecken für Impulse und Ideen. (Gespräch: Marcel Gamma)