Prantl behauptet: Zukunfts­unternehmen brauchen keine Chefs mehr

Kürzlich erhielt ich auf unsere jüngste Event-Ausschreibung von focus on future mit dem gleichen Titel wie diese Kolumne folgende E-Mail eines Unternehmers: "Chefs wie sie heute vielerorts existieren, braucht es nicht mehr. Aber im Chaos und im Desaster wie es heute vielerorts immer mehr vorkommt, braucht es kluge, kühle, patriarchale Köpfe. Denn im Chaos, im Desaster wollen die Leute geführt werden und erst recht wissen, und zwar von einem dem sie vertrauen, wohin die Reise geht. An diesen Tatsachen kommt wohl keine Unternehmung vorbei. Digitalisierung hin oder her."
 
Genauso sah ich das vor einigen Jahren auch noch. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wurden der zitierte Unternehmer und ich, was das Thema Führung und Leadership anbelangt, in derselben Epoche in den 90ern sozialisiert. Und da war Führung noch glasklar definiert als Einer, der führt und Andere, die folgen – Punkt.
 
Der obige Unternehmer versteht die bereits spürbaren Folgen der Digitalisierung als "Chaos" und "Desaster". Mit Chaos bin ich insofern einverstanden, als dass viele Dinge momentan ihren Ruhepol verloren haben und sich auf der Suche nach einem neuen stabilen Zustand befinden. Den Begriff Desaster hingegen würde ich weniger mit der Digitalisierung als solcher in Verbindung bringen, als vielmehr mit dem, was wir daraus alles Schreckliches machen könnten. Von der Wegrationalisierung aller Arbeitsplätze, über die totale Kontrolle und damit Bevormundung jedes einzelnen bis hin zum Untergang der Menschheit wie wir sie heute kennen, Stichwort "Singularität" oder auch "Menschheit 2.0".
 
Weiter ist er überzeugt, dass es "kluge, kühle und patriarchale Köpfe" für die Führung durch den digitalen Wandel braucht. Nun, klug kann definitiv nicht schaden. Kühl ist meistens – wenn auch nicht immer – hilfreich. Spätestens bei patriarchal bin ich aber skeptisch. Gut ausgebildete, selbständig denkende und handelnde Mitarbeiter, wie wir sie gerade in der IT-Branche fast durchgängig suchen und fördern, wünschen sich bei der Arbeit keinen "Ersatzpapi", sondern vielmehr eine Führung, die sie einem Mentor gleich auf ihrem Karriereweg begleitet. Da ist viel mehr Coaching gefragt und weniger der Patriarch, der alles besser weiss und dementsprechend seine Direktiven verteilt.
 
Die Erklärung für seine dezidierte Aussage liefert der Unternehmer dann auch gleich selbst mit: "Die Leute wollen geführt werden. Und zwar von einem, dem sie vertrauen und von dem sie wissen, wohin die Reise geht." Dass die Mitarbeiter ihrer Führung vertrauen wollen, steht wohl ausser Frage. Auch wenn allein dieses Thema einige Kolumnen wert wäre. Zunehmend kritisch bin ich vielmehr bei der Feststellung, dass die Leute geführt werden wollen und das Ziel ihrer Reise nicht mitbestimmen dürfen. Mündige Mitarbeiter, die hervorragend ausgebildet, kreativ und leistungsbereit, nicht selten sogar leistungsversessen sind, wollen vermehrt auch ihren Beitrag zum Reiseziel, sprich der Vision, leisten. Das stelle ich immer wieder in der Praxis fest. "It doesn’t make sense to hire smart people and then tell them what to do; we hire smart people so they can tell us what to do" soll Steve Jobs einmal gesagt haben. Wie wahr!
 
Das gewichtigste Argument für mehr Selbstorganisation und Selbstführung in den Unternehmen hat aber ganz einfach mit der Notwendigkeit zu tun, dass Unternehmen in der Zukunft dramatisch flexibler und agiler werden müssen, um sich noch genügend schnell den Marktveränderungen anpassen und damit überleben zu können. Unter diesem Aspekt hat der allwissende und allesentscheidende Chef bald ausgedient. Die Entscheidungen müssen vielmehr direkt dort getroffen und umgesetzt werden können, wo die Fragen und Probleme aufpoppen. Und genau dort an der Front sind selten Chefs zugegen.
 
Wer kein Vergangenheits­unternehmer sein will, muss die Augen öffnen.
Zum Begriff "Zukunftsunternehmen" erhielt ich ebenfalls vor wenigen Tagen die Mail eines Softwareunternehmers, der soeben in den Ruhestand gewechselt hat. Er schreibt: "An sich ist auch dieses Thema hoch interessant, dass die Zukunftsunternehmen keine Chefs mehr brauchen. Ich wage mich daran, dieses neue Kapitel der Organisationslehre weiter zu vertiefen: Diejenigen, die ihre Chefs noch haben (und erdulden), sind demnach vermutlich dem Untergang geweihte Vergangenheitsunternehmen." Damit hat er mir die Augen dafür geöffnet, dass es, wenn es Zukunftsunternehmen gibt, wohl auch Vergangenheitsunternehmen geben muss. Wie recht er doch hat!
 
Wen übrigens das Thema "Unternehmen ohne Chefs" ernsthaft interessiert, sei zum ganz zu Beginn erwähnten Abendevent von focus on future am 30. Januar 2017 herzlich eingeladen. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (54) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 begleitet er Unternehmer aus der IT- und Softwarebranche auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.