Prantls 5A: Ergon Informatik

Intelligente Stellantriebe von Belimo regeln das Heizwasser in den Fussbodenheizungen. Hier ein Prototyp mit Java für Embedded Systems (Java-Chip).
Die 5A-Formel der Ergon: „Wir lösen echt schwierige Aufgaben, die noch nie gelöst wurden.“ Ergon baut für ihre Kunden Leuchttürme, mit denen diese Neuland besiedeln können. Anschliessend entwickelt sie daraus „Fertig-Türme“ und macht sie auch für andere erschwinglich. Und dies funktioniert auch in der Softwarepraxis.
 
Dank Zufall zum Grundstein der heutigen Kernkompetenz
In den ersten Jahren war Ergon eine Softwarefirma wie viele andere auch. Mit dem Austritt des Gründers aus der Firma 1992 und der sich daraus bietenden Chance der Übernahme seiner Anteile durch die verbliebenen acht Mitarbeiter, begann sich das Rad schneller zu drehen. Ursache war die sehr frühe Auseinandersetzung mit dem Internet und mit der sich neu entwickelnden Softwaretechnologie Java Mitte der 90er Jahren. Die Ergon-Leute setzten voll darauf, pilgerten von Insidertreffen zu Insidertreffen und machten sich auf diese Weise einen Namen, der rasch mit hoher Java-Kompetenz verbunden wurde. Mit dieser - damals fast einzigartigen - Kompetenz im Gepäck wollte es der Zufall, dass die Ergon 1996 die Chance bekam, für die Credit Suisse das erste Internetbanking der Schweiz zu programmieren. Damit war der Grundstein für die heutige Kernkompetenz gelegt.
 
Schritt Eins: Aus Zufall wird ein System
Das Internetbanking „Direct Net“ ging im April 1997 mit fünf Monaten Vorsprung vor der Zürcher Kantonalbank als Schweizer Pionierlösung über die Ziellinie.
 
Aus dem Internetbanking-Projekt entwickelte die Ergon anschliessend ein Erfolgssystem, welches CEO Gabriela Keller so erklärt: „Wir lösen gerne schwierige Aufgaben, die noch nie gelöst wurden, und verschaffen damit unseren Kunden Wettbewerbsvorteile." Bis heute entstanden aus dieser Überlegung zahlreiche weitere Leuchtturmprojekte, die sich alle an schwierigen, oft noch nie gelösten Aufgaben orientierten. So wurde beispielsweise für Coop eine einzigartige Personaleinsatzplanung geschaffen oder für die Firma Belimo, ihres Zeichens Weltmarktführerin für Heizungs-, Lüftungs- und Klimatechnik, eine innovative Hardware-Java-Lösung, welche deren Stellantrieben eine eigene Logik verpasst. Internet of Things lässt grüssen. „Damit wir den hohen Erwartungen an neuartigen technischen Lösungen unserer Kunden gerecht werden konnten, mussten wir vor allem lernen, ‚fehlerfrei’ zuzuhören. Auf diese Weise wurden wir zu einem kompetenten Partner für softwarebasierte Aufgaben, die davor noch nie gemacht wurden“, erklärt Gabriela Keller das Ergon-System.
 
Schritt Zwei: Aus dem System wird die „Wellenreiter-Strategie“
„Wir profitieren bei der Entwicklung unseres Geschäfts sehr stark von den Strömungen im Markt. Dazu orientieren wir uns eher opportunitätsgetrieben an den damit verbundenen Anforderungen und Bedürfnissen. Unser langjähriger Geschäftsführer Patrick Burkhalter nannte es ‚Wellenreiten’. Diese Strategie brachte uns seinerzeit zur plattformunabhängigen Softwaretechnologie Java, sie bringt uns zu den Mobile Apps, zum Einsatz von Java-Software auf dem Belimo-Chip und, sie wird uns auch in Zukunft dorthin führen, wo spannende, herausfordernde und wirtschaftlich interessante Projekte schlummern“, ist Gabriela Keller überzeugt.
 
Die Ergon „Wellenreiter-Strategie“ folgt einem an und für sich simplen Vorgehen: Gezielt den Markt beobachten, um dessen künftige Bedürfnisse zu erkennen und damit verbundene „Wellen“ vor allen anderen zu sehen und zu besetzen. Gleichzeitig die notwendige Forschung zu betreiben, um neue Trendtechnologien auf ihre Tauglichkeit hin beurteilen zu können und aus einer Kombination von beidem anschliessend Leuchtturmprojekte zu finden, zu verkaufen und zu realisieren.
 
Was einfach klingt, ist in der Praxis eine immense Herausforderung. Die Ergon bewältigt sie, indem sie auf Höchstqualifikation bei ihren Mitarbeitern setzt und sich stets auf die Suche nach den Besten und Innovativsten macht. Als Gegenleistung erhalten ihre Softwarearchitekten, Entwickler und Berater spannende, einzigartige und herausfordernde Aufgaben, die nicht selten Neuland erschliessen.
 
Schritt
Gabriela Keller, CEO der Ergon.
Drei: Aus Pionierprojekten multiplizierbare Lösungen und Produkte machen
„Als Pioniere erschliessen wir Neuland. Wenn diese Aufgabe erfüllt ist und sich ein ‚Pionierpreis’ im Markt nicht mehr durchsetzen lässt, dann werden nicht selten billigere Anbieter - vor allem aus dem Ausland - bevorzugt. Diese Erkenntnis kam uns schon früh nach dem Credit Suisse-Projekt und ganz besonders beim Platzen der Internetblase“, führt Gabriela Keller aus. „Innerhalb von zwei Jahren ging unser Umsatz damals um 50 Prozent zurück. Kam hinzu, dass wir stark von der Konjunktur in der Finanzbranche abhängig waren.“ Ergon reagierte mit zwei naheliegenden Strategien.
 
Erstens wurde die Software, welche aus Pionierprojekten entstanden war, neuen Kunden mit vergleichbaren Problemstellungen angeboten, verkauft und individuell für sie angepasst und weiterentwickelt. So gelingt es Ergon regelmässig, ihre Pionierprojekte mehrfach zum Einsatz zu bringen. Im Fall der Security Suite Airlock hat sie sogar ein Standard-Produkt entwickelt, welches heute international von Partnern vertrieben wird.
 
Die zweite Strategie besteht in einer gezielten Diversifikation der Zielbranchen. Heute erwirtschaftet Ergon in den vier Wirtschaftszweigen Finanzwirtschaft, Industrie, Telekommunikation und öffentliche Hand signifikante Umsätze und betreibt damit eine breite Risikoabstützung. Mit den sechs grössten Kunden setzt sie 50 Prozent ihres Umsatzes um und hat damit ihre ehemals existenzbedrohenden Abhängigkeiten aufgelöst.
 
Die Softwareprojekte schlagen mit rund einem Drittel des Gesamtumsatzes zu Buche, die daraus multiplizierten Lösungen mit etwas mehr als 40 Prozent und mit dem Produkt Airlock werden bereits stattliche 25 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet. Im Ganzen ein robustes Geschäftsmodell, das nachhaltig funktioniert und sinnvoll ineinandergreift.
 
Pionierkultur als Folge und Ursache der Wellenreiter-Strategie
Die Pionierkultur der Ergon ist sowohl Ursache als auch eine Folge ihres „Wellenreitens“ und der darauf aufbauenden Leuchtturmprojekte. Fachausbildung und Weiterbildung werden bei Ergon ganz grossgeschrieben, rund 80 Prozent der Mitarbeiter sind Hochschul-Absolventen. Die Zusammenarbeit ist geprägt von Erfinder- und Pioniergeist, von Innovation und von gelebter Kooperation. Die einzelnen Teams am einzigen Standort in Zürich agieren autonom, Mitbestimmung wird im ganzen Unternehmen intensiv praktiziert.
 
Eigentlich selbstverständlich, dass Ergon keine ihrer Mitarbeiter bloss „vermietet“. Das alles führt dazu, dass die Mitarbeiter zu „Fans“ ihres Unternehmens werden und dass sich gute und passende Fachspezialisten von selbst bei der Ergon bewerben. „Wir finden meist schnell den passenden Bewerber auf eine Vakanz“, meint Gabriela Keller auf die Frage nach dem Fachkräftemangel. Eine Feststellung, die hierzulande nicht viele Softwareunternehmen treffen können.
 
„Wir verstehen Wachstum bei Ergon als Erneuerung und als Verbesserung des Bestehenden. Und als Lust und Reiz, immer wieder Neues machen zu können“, erläutert Gabriela Keller einen weiteren Aspekt der Unternehmenskultur.
 
Die Lohnkurve bei Ergon ist flach, gleichzeitig verzichtet sie auf leistungsabhängige Löhne. „Wir glauben, diese würden falsche Anreize setzen und unserem Grundgedanken nach Gleichwertigkeit zuwiderlaufen“ erklärt Gabriela Keller als ehemalige Personalchefin der Firma. „Als Konsequenz daraus finden Mitarbeiter, die vorwiegend geldgetrieben ticken, eher nicht den Weg zu Ergon. Bis anhin haben wir das aber nie als ‚Mangel’ erlebt,“ meint sie schmunzelnd.
 
Wohin soll die Reise gehen?
„Wir wollen mit der Ergon weiterhin zu den führenden Software-Firmen in der Schweiz gehören“, erklärt Gabriela Keller die Vision ihres Unternehmens. „Führend heisst, dass wir weiterhin Schlüsselaufgaben in unseren Zielbranchen finden und lösen können und damit einen wesentlichen Beitrag zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit unserer Kunden leisten dürfen. Umsatz- und Wachstum sind keine direkten Ziele, sondern das Resultat, wenn wir gute Arbeit leisten. Einzig mit unserer Security-Suite Airlock, da wollen wir die Welt erobern“ führt sie überzeugt aus. Mit der Erschliessung des Marktes in Deutschland hat Ergon eben erst begonnen.
 
Kurzprofil Ergon Informatik AG
Ergon entwickelt individuelle Softwarelösungen und Softwareprodukte. Die Mitarbeitenden sind hochqualifizierte IT-Spezialisten mit Fokus auf den Kundennutzen. Sie antizipieren Technologietrends und entwickeln Lösungen, die Wettbewerbsvorteile bringen. Das Unternehmen mit aktuell rund 260 Mitarbeitenden wurde 1984 gegründet. Seit über 20 Jahren wird bei Ergon eine Kultur der Transparenz, Eigenverantwortung und Mitbestimmung gelebt und gefördert. (Urs Prantl)
 
Die Serie: Prantls 5A
In der Serie Prantls 5A - "Angenehm anders, als alle anderen" analysiert KMU-Berater Urs Prantl erfolgreiche IT-Unternehmen auf ihre Einzigartigkeit und porträtiert die Entstehungsgeschichte und den Kern ihrer dafür verantwortlichen Kernkompetenzen. (Redaktion)
 
(Interessenbindung: Ergon Informatik ist Technologiepartner unseres Verlags.)

Unser Kommentar:

Kommentar: Urs Prantl
 
Die Kernkompetenz von Ergon besteht aus zwei sich ergänzenden und bedingenden Bestandteilen.
 
Erstens aus der clever praktizierten Wellenreiter-Strategie, welche zum Ziel hat, die wirklich schwierigen Softwareaufgaben anzuziehen und mit Leuchtturmprojekten zu lösen. Und zweitens der Fähigkeit, diese Leuchttürme in der Form von Lösungen und sogar Produkten zu multiplizieren. Das Umsatzverhältnis von einem Drittel zu zwei Dritteln belegt, dass es funktioniert. Und zwar seit über 30 Jahren und damit nachhaltig im wahrsten Sinne dieses Wortes. Meines Erachtens ist die hier beschriebene Kernkompetenz absolut ursächlich für das kontinuierliche Gedeihen der Ergon und nicht bloss eine „Verzierung“.
 
Sehr interessant ist die historische Entwicklung der Ergon-Kernkompetenz. Wie so oft half auch hier der Zufall in der Form des Internetbankingprojekts massgeblich mit, Anschub zu leisten. Aus diesem Grosserfolg entstand der allgemeine Anspruch, schwierige Aufgaben zu lösen, die noch nie gelöst wurden. Und damit war ein System geboren. Mit Hilfe der Wellenreiter-Strategie konnte das System nachvollziehbar gemacht und methodisch abgestützt werden. Die Ergon war somit in der Lage, Pionier- und einzigartige Leuchtturmprojekte erfolgssicher zu wiederholen. Dies alleine reichte für eine langfristig sichere Entwicklung allerdings nicht. Das Platzen der Internetblase und der damit verbundene Spardruck in der Finanzbranche machten dies überdeutlich. Auch in dieser schwierigen Phase blieb sich die Ergon aber treu und baute auf ihrer Stärke „Probleme lösen, die noch nie gelöst wurden“ eine dazu passende Vermarktungskompetenz auf.
 
Der Ergon-Claim „smart people - smart software“ kratzt an der hier beschriebenen Kernkompetenz, bringt sie aber aus Marktsicht noch zu wenig klar auf den Punkt. Er spiegelt vielmehr wider, worauf die Ergon in ihrem Selbstverständnis und in ihrer Eigenkommunikation das Hauptgewicht legt: Die Mitarbeiter, die Unternehmenskultur, unternehmerisches Denken und das Engagement für den Software-Nachwuchs. Dies sind ohne Zweifel alles erfolgskritische Faktoren von Ergon, sie bilden aber nicht den Kern ihrer Einzigartigkeit. Denn, die Kunden kaufen nicht Ergon-Software und -Projekte, weil sie so kompetente und innovative Mitarbeiter hat, sondern weil diese eine Kernkompetenz geformt haben, die sich für die Kunden in messbaren Mehrwert ummünzt. Und nur daran sind die Kunden wirklich interessiert. Sie wollen „unlösbare“ Aufgaben gelöst haben, sie wollen ihre Mitbewerber mittels einzigartigen Softwarelösungen auf Abstand halten oder sie wollen von solchen bahnbrechenden Entwicklungen als „Trittbrettfahrer“ profitieren. So kann ich mir gut vorstellen, dass die Ergon mit einer stärker marktorientierten Positionierung, ohne Vernachlässigung ihrer inneren Werte, noch grössere Erfolge feiern und ihre Zukunft noch sicherer abstützen könnte.
 
Sogar Ergon als Meisterin der noch nicht gelösten Probleme beweist, dass Hypes (alleine) keine tragfähige Geschäftsgrundlage sind (siehe dazu meinen Kolumnenbeitrag „Hypes sind keine Geschäftsgrundlage“). Sie verfolgt zwar viele Entwicklungen systematisch mit Hilfe ihrer Wellenreiterstrategie und bringt sie zum praktischen Einsatz. Als stabile und ausreichende Grundlage für das dauerhafte Überleben, sind sie aber mit einem Drittel des Umsatzes deutlich zu schwach. Es kommt hier ganz offensichtlich auch stark auf ein gesundes Verhältnis von „Erfindung“ zu „Multiplikation“ an.