Oracle-Chef: Schweiz hinkt bei Cloud-Migration hinterher

Hanspeter Kipfer, Oracle Vice President Sales & Country Leader Switzerland, über Cloud-Markt Schweiz und seine Strategie.
 
“Geldmaschine Oracle stottert” und “Softwareverkäufe sinken rasch” lauteten die beiden letzten Artikeltitel bei inside-channels.ch. Hans Peter Kipfer lächelt freundlich, wenn man ihn darauf anspricht. “Das zu sagen, wäre verfehlt”, findet der Oracle Vice President Sales & Country Leader Switzerland. Nach wie vor resultiere 50 Prozent des Oracle-Umsatzes aus Support und Maintenance, "aus der traditionellen Welt, welche auch die Haupt-Quelle für Investitionen in Resarch and Development bilden, ist das Geschäft komplett intakt. Allfällige Kündigungen werden überkompensiert mit Neuabschlüssen. Das ist alles sehr stabil.”
 
Eigentlich aber geht es im Gespräch mit Kipfer um Oracle und die Cloud, ein Geschäftsfeld, bei dem Oracle das Feld von hinten aufzurollen sucht. Und man ist bei Oracle überzeugt, man sei nicht zu spät im Vergleich zu allen andern. Kipfer sieht den Gang einer Firma in die Cloud als “Journey”, als Reise, die zehn, fünfzehn Jahre dauern könne und nicht als rasche Umstellung. Konkret stehe Software as a Service (SaaS) “vor der kompletten Migration in die Cloud”, so Kipfer. Er argumentiert “heute sind noch Legacy Applikationen im Einsatz und deren Lebensdauer ist länger als diejenige der Infrastruktur. 20, 25 Jahre”, prophezeit Kipfer. “Das Neugeschäft ist jedoch bereits praktisch 100 Prozent aus der Cloud.”
 
Auf dem Infrastruktur-Layer geht es auch eher langsam zu und her. “Wir leben klar in einer hybriden Welt. Das ist für Oracle mit 50 Prozent Anteil am Datenbankgeschäft weltweit eine perfekte Situation.” Kipfer sieht die Cloud in diesem Bereich für Oracle als ideale Ergänzung zum herkömmlichen Geschäft und welches die Basis für eine zukünftige und kestengünstige Plattform unserer Kunden bildet.
 
Fachkräftemangel fördert Cloud
Dieser Hybridzustand werde noch lange andauern, man sehe bei Oracle-Kunden auf Infrastrukturebene sehr viel “lift and shift”: “Der Kunde nimmt eine ganze Applikations-Umgebung und schiebt sie in die Cloud. Die Applikation nutzt der Kunde weiter, einfach aus der Cloud-Infrastruktur.”
 
Auf Nachfrage wehrt Kipfer ab: Nein, er könne noch keine Namen nennen, aber man rede hier von Schweizer Kunden: “Vielleicht am meisten im Mittelstand fragen sich die Firmen: Lohnt es sich für mich heute noch, eine eigene IT-Infrastruktur zu betreiben?” Und damit meint er nicht nur die direkten Kosten, sondern auch die fehlenden Informatiker in der Schweiz. “Der Fachkräftemangel ist ein Motivationsfaktor, der KMUs in die Cloud treibt, während es bei grösseren Firmen klar die Kosten sind.”
 
Als „fast follower“ wolle man sich nicht allein über den Preis im Cloud-Business durchsetzen, betont Kipfer, sondern ebenso mit der Performance und Security. “Wir wachsen am schnellsten von allen”, so Kipfer. Und dies nicht nur bei der Anzahl Kunden, wie bislang international kommuniziert, sondern auch was den Umsatz betrifft. Man sei global “umsatzmässig der am schnellsten wachsende Anbieter mit einem umfassenden Portfolio. Und dies in jedem Quartal seit unserem Markteintritt. Im letzten Quartal sind wir Year-over-Year um 77 Prozent gewachsen in den Bereich PaaS und SaaS. Und es ist ein sehr profitables Geschäft. Wir haben heute eine Marge von 60 Prozent in diesem Bereich.”
 
So ist der Cloud-Umsatz für Oracle zwar noch vergleichsweise bescheiden, aber dennoch interessant.
 
“Financials kommen als Nächstes in die Cloud”
 
Wenn es um Akzeptanz der Cloud und von Oracle-Produkten geht, ist das wichtige ERP-Geschäft ein Thema. Wo steht der Markt? Gehen auch Schweizer Financials vollständig in die Cloud? “Eher weniger”, sagt Kipfer, im ERP-Bereich gehe im Moment HCM am schnellsten in die Cloud sowie das klassische Supply Chain Management. “Aber Financials kommt sicher als nächstes. Und das ist der grösste SaaS-Bereich.”
 
In Sachen schrittweise oder bereichsweise Migration in die Cloud sei vorerst die Customer Experience im Vordergrund gestanden. “Aber das grösste Potential liegt im ERP-Bereich. Und dort fokussieren und investieren wir auch am meisten.” Die Übernahme von Netsuite aber ist angesichts der geringen Kundenzahl für Oracle Schweiz weniger relevant, als allenfalls das Know-How des Neuzugangs.
 
"Heute ist das Glas in der Schweiz halb leer"
Für die Schweiz sieht Kipfer, der 18 Jahre im Ausland gearbeitet hat, einen Kulturwandel in der IT: “Früher, als es darum ging, bei Sun multiprozessor basierende Server einzuführen, sowie beim Thema Unix, erlebte ich die Schweiz als extrem innovativ.“
 
Und was war damals anders? “Man hatte das Geld für Innovationen, aber vor allem den Mut. Heute sind viele Firmen in der Schweiz eher für Risikominimierung als für Innovation. Und das manifestiert sich auch in der Cloudadoption. War früher das Glas halb voll, ist es in der Schweiz heute halb leer. In Sachen Cloud-Adoption sind wir gegenüber Europa ein bis zwei Jahre hintendrein.“
 
Auf gut Schweizerdeutsch: die hiesigen Umsatz- und Wachstumszahlen hinken den Hoffnungen von Oracle noch hinterher. Hat dies mit Konzept von Cloud grundsätzlich tun? Oder mit Oracle im speziellen? Dies sei nicht nur ein Oracle-Phänomen, betont Kipfer. “Der grösste Disabler ist Security”. Dabei seien aber eher Vorurteile im Spiel, so der Oracle-Mann.
 
“Security-Schlüssel liegen exklusiv beim Kunden”
 
Die Aussage mancher Security-Experten, dass viele Unternehmen fälschlicherweise glauben, man könne Securityfragen mit der Migration in die Cloud auch dahin delegieren, lässt er nur bedingt gelten. “Es gibt in dieser Argumentation auch kommerzielle Interessen. Security-Firmen haben ein Problem, wenn Security-Themen plötzlich abgedeckt sind. Recht gebe ich Ihnen, was den Hauptrisikofaktor angeht. Und das ist immer noch der Mensch. Gestohlene Daten wurden meist hinausgetragen, der Hackerangriff ist ein Einzelfall. Die ganze Accessfrage spielt auch eine Rolle in der Cloud, die muss immer noch gemacht werden.”
 
Es wird Zeit, die Verschlüsselungshoheit aufs Tapet zu bringen, die Sicherheitsexperten in Cloud-Fragen ins Zentrum stellen. Wo liegt die Schlüssel-Hohheit bei Oracle-Cloud-Produkten? “Die Securityschlüssel liegen exklusiv beim Kunden. Niemand will, dass wir den Schlüssel haben zu sicheren Kundendaten und allenfalls mit der NSA darauf zugreifen. Wir können das gar nicht, denn wir haben den Schlüssel nicht. Aber wenn der Kunde mit diesen Schlüsseln nicht sorgfältig umgeht, ja, dann kann es Probleme geben. Dann nützen alle unsere Features und Functions nichts.”
 
"Hardware ist in der Schweiz profitabel"
Zu guter Letzt wird das schwächelnde Hardware-Business in der “Geldmaschine Oracle” zum Thema. Schwächelnd? Kipfer lächelt. “Wir wollten doch über die Schweiz reden. Oder? Über alles hinweg gesehen, gibt es ein Minus. In Europa aber ist Hardware im Moment ein profitables Geschäft. Conventional Systems, Server und Storage nimmt ab. Aber mit Engineered Systems können wir dies überproportional kompensieren. In diesem Bereich war die Schweiz das erfolgreichste Land. Wir sind einfach ein bisschen langsamer geworden, darum bin ich überhaupt nicht nervös, dass wir in der Schweiz im Cloudbereich nicht die Umsatz- und Wachstumsraten haben wie in andern Ländern. Cloud wird kommen, das zeigen mir die Projekte und Gespräche.” (Gespräch: Marcel Gamma)