Appway: Ein Softwarehaus im "perfekten Sturm"

Still und leise hat sich der Zürcher Software-Hersteller Appway zu einem heimlichen Star der Schweizer Software-Industrie entwickelt. CEO Hanspeter Wolf im Exklusiv-Interview.
 
Es gibt Fintech-Konferenzen und -Awards da und dort, Startup-Events und -Campusse, Delegationen reisen nach Kalifornien und kein cooles Digitalisierungsevent kommt ohne Silicon-Valley-Star und "Serial Entrepreneur" aus. Und doch fliegt einer der "heissesten" jungen Schweizer Software-Firmen ganz unter dem Radar von Medien und IT-Szene: Appway. Die Zürcher Firma macht Software für die Finanzindustrie, primär Banken. Begonnen hat Appway mit einer Lösung, mit der Banken das "Onboarding" von Kunden, zum Beispiel das erstmalige Eröffnen eines Kontos, vereinfachen und beschleunigen können. Kern von Appways Software ist eine BPM-Plattform. Diese erlaubt es, Prozesse und Frontends zu entwickeln, ohne jeweils einzeln neue Codes zu schreiben. Heute kann man mit Appway die Kommunikation mit Kunden, aber auch mit Mitarbeitern des Unternehmens und externen Partnern durchgängig digitalisieren, so die Botschaft des Herstellers.
 
Appway zählt aktuell über 220 Finanzinstitutionen zu seinen Kunden, konnte den Umsatz letztes Jahr um über 80 Prozent steigern und plant, bis Ende 2016 rund 250 Mitarbeitende an acht Standorten in Zürich, Genf, Chiasso, London, New York, Toronto, Hong Kong und Singapur zu beschäftigen.
 
Inside-it.ch hat sich mit Hanspeter Wolf, CEO und Mitgründer von Appway zu einem Gespräch getroffen.
 
Appway ist einer der wenigen international erfolgreichen Software-Player in der Schweiz. Und macht Software für Banken. Trotzdem ist nie von Appway die Rede, wenn man über Fintechs spricht. Sind Sie bewusst so zurückhaltend?
 
Hanspeter Wolf: Wir sind bewusst stille Schaffer. Im Software-Geschäft geht es um Mehrfachnutzung und Skalierung. Physische Grenzen spielen da keine Rolle. Mehrfachnutzung und Internationalität lernt man in der mehrsprachigen Schweiz von klein auf. Deshalb war es für uns immer klar, dass wir nicht nur auf den Schweizer Markt setzen.
 
Wir konzentrieren uns auf unser Geschäft, auf unsere Kunden, Partner, die Mitarbeiter und auf das Wachstum. Nebenschauplätze interessieren uns weniger. Wer Business-Software macht, muss primär für sein Marktsegment relevant sein, und nicht für die Medien oder für das Startup-Umfeld. Und um relevant zu sein, muss man Energie und Ressourcen bündeln. Wir haben 2016 über 100 neue Leute angestellt und müssen uns immer wieder fragen, wie wir noch besser wachsen können.
 
Wo steht Appway heute?
 
Hanspeter Wolf: Um das zu verstehen, muss man die Geschichte kennen. Wir haben 2003 zu zweit die Firma gestartet. Es war kurz nach dem New Economy Crash und von Venture Capital war keine Rede. Wir haben die Firma dann ganz aus eigenen Mitteln aufgebaut.
 
Letztes Jahr wuchsen wir um rund achtzig Prozent. Auch das Wachstum finanzieren wir mit eigenen Mitteln. Wir haben heute acht Niederlassungen, davon zwei in Nordamerika und zwei in Asien.
 
Wir sind Marktführer im Client Onboarding im Bankenbereich und man kennt uns auch dort, wo wir nicht direkt vor Ort präsent sind. Im Vergleich zu den Titanen der Software-Branche sind wir immer noch winzig, können aber über die Marktführerschaft in einer Nische wachsen.
 
Sie sprechen von einer Marktnische. Appway hat sich ursprünglich auf die Nische "Onboarding" (Aufnahme neuer Kunden) fokussiert. Wie wird sich das weiter entwickeln?
 
Hanspeter Wolf: Wir nennen unsere Strategie "Big Fish in a Small Pond". Wer nicht ein "grosser Fisch" innerhalb "seines Teichs" ist, hat nur wenig Chancen gegen die etablierten Player. Das heisst, dass wir unsere Nische immer wieder richtig definieren müssen, damit wir relevant oder im Idealfall Marktführer sind.
 
Wer sind Konkurrenten von Appway? Sind das CRM-Anbieter wie Salesforce? Oder die grossen Player wie IBM?
 
Hanspeter Wolf: Jeder befindet sich irgendwie in Konkurrenz zu Microsoft, Oracle oder IBM. Aber die Zeiten von Single-Vendor- und Single-Database-Strategien sind vorbei. Man spricht heute von "Co-Creation" und "Co-Production".
 
Die Käufer unserer Softwarelösung sind oft im Business zu finden, während die grossen Technologie-Anbieter eher in die Informatik verkaufen. Damit haben wir einen riesigen Vorteil.
 
"Digitalisierung" in der Finanzindustrie heisst, einerseits das Backoffice zu rationalisieren, andererseits den Kontakt zu Kunden über neue Kanäle zu ermöglichen. Appway scheint eine glänzende Ausgangslage zu haben. Ist die Zukunft von Appway so rosig, wie es mir heute scheint?
 
Hanspeter Wolf: Es sieht ganz so aus, als wären wir heute im perfekten Sturm. Das ist ein Privileg! Heute werden die Grenzen zwischen Innen und Aussen in Banken geöffnet. In der digitalen Welt steht der Kunde im Zentrum und die Finanzbranche merkt es nun.
 
Wir sind im perfekten Sturm, weil wir uns mit der Verbesserung der internen Prozesse, aber auch mit den Schnittstellen zum Kunden beschäftigen. Wir sprechen von Self Service aber auch von Concierge Services. Der Kundenberater einer Bank geht nicht mehr mit einem Notizblock sondern mit einem iPad oder Surface Tablet zum Kunden. Er kann damit besser und vor allem interaktiv beraten und zum Beispiel mitten im Gespräch einen Fachexperten beiziehen, wenn er eine Kundenfrage nicht aus dem Stegreif beantworten kann.
 
Es geht nicht mehr nur um Self Service, sondern darum, das komplette Kundenerlebnis zu verbessern. Niemand kann sein Geschäft digitalisieren, wenn er den Kunden nicht digital empfangen kann.
 
Sie haben 2016 rund 100 neue Mitarbeitende angestellt. Wird Appway im gleichen, enormen Rhythmus weiter wachsen? Kann man das überhaupt verkraften?
 
Hanspeter Wolf: Wir wollen als Software-Hersteller noch relevanter werden. Wir wollen smart wachsen. Wir müssen uns immer wieder fragen, wo wir uns selber digitalisieren möchten – und müssen. Seit mittlerweile acht Jahren bauen wir eine Developer-Community auf, die heute über 2500 Leute umfasst. Diese entwickeln auf Appway für unsere Kunden weitere Lösungen. Zu dieser Community gehören grosse Partnerfirmen aber auch Freelancer, in der Schweiz und auch im Ausland.
 
Spannend an der Technologie finde ich, dass der Zugang "demokratisch" ist. Kleine wie auch grosse Firmen können damit arbeiten. Wir wollen Appway "demokratisiert" anbieten und haben Pläne, in einen weiteren, grösseren Markt einzusteigen. Viele Grundfunktionen unserer Plattform sind heute sehr gefragt: Vernetzung, Zusammenarbeit, Automatisierung, kontinuierliche Verbesserungen. Man kann niemals alleine auf dieser Klaviatur spielen und alles selber bauen.
 
Zusammengefasst: Appway liefert die Technologieplattform und Kunden und Partner bauen darauf Lösungen. Ich stelle mir ein äusserst profitables Geschäft vor.
 
Hanspeter Wolf: Man muss auch sehen, wie gross die nötigen Investitionen sind, um das zu erreichen. Die Erwartungen an eine Software sind heute enorm gestiegen. Wir haben naiv begonnen, stehen unterdessen aber an einem ganz anderen Ort. Der Beginn ist relativ einfach, aber danach wachsen die Erwartungen rasch. Man muss immer schneller werden und zum gleichen Preis bessere und mehr Funktionen bieten. Diesem Ziel haben wir uns verschrieben. Wir haben die Passion der Maschineningenieure vergangener Zeiten, der Escher, Wyss und Sulzer. Wie die Ingenieure der Vergangenheit wollen wir die Plattform, die wir erfunden haben, laufend überdenken, besser und leichter machen und den Energieverbrauch minimieren. Das hält uns am Leben.
 
Mit der Lieferung der "Maschine" ist es aber nicht getan. Denn unsere Kunden und Partner bauen mit unserer Technologie ihre eigenen innovativen Lösungen. Zum Beispiel hat Suisa den Automatisierunglayer in ihrem System mit Appway gebaut. Es geht um die Abrechnung von Royalties mit verschiedenen Sende-Stationen und um IoT-Projekte.
 
Wer heute im Tech-Umfeld Erfolg haben will, muss Partnerschaften schliessen. Wir haben deshalb sehr früh in unser Ökosystem investiert.
 
Sie haben zu zweit die Firma gestartet und sind nun über 250 Mitarbeitende. Also brauchen Sie ganz andere Management-Fähigkeiten. Wie haben Sie den Wandel geschafft? Sind Sie nochmals in eine Schule gegangen? Haben Sie andere Leute geholt? Sie werden heute ja kaum noch dazu kommen, selbst Codes zu schreiben.
 
Hanspeter Wolf: Das ist so. Man muss leiden und man muss gerne leiden. Und man muss den Zweck und die Ziele des Leidens sehen und lernen, vorauszudenken. Wir erlebten zu Beginn der Firma Leidensphasen in rascher Folge und mussten uns immer wieder fragen, welchen Weg wir gehen wollen. Wir haben nie dogmatisch an einem bestimmten Business Plan festgehalten. Es kam dann noch viel besser, als wir uns je vorstellen konnten.
 
Als Unternehmer muss man sich immer wieder in Frage stellen: Was mache ich gerne, was ist mir wichtig, was sind unsere Werte? Man muss konsequent sein und trotzdem immer wieder Ideen, die nicht funktionieren, wegwerfen.
 
Man fragt mich immer wieder, wie wir es machen. Wir haben in der Firma fast nur gemeinsame und übergreifende Ziele. Deshalb können wir die Firma in unserem Rhythmus führen und die Kultur erhalten. Wir bewegen uns sehr schnell und wenn wir eine Richtungsänderung als Firma umsetzen, können wir nicht erst 17 Bonuspläne und 70 Management-Ziele nach dem MBO-Prinzip anpassen.
 
Zurzeit gibt es den Fintech-Hype und man fragt sich, ob es auch in Zukunft Banken braucht. Wo positioniert sich Appway im Fintech-Hype?
 
Hanspeter Wolf: Wir spüren, woher der Wind bläst und dass er zurzeit die Richtung wechselt. Banken wird es immer geben, aber sie müssen sich fragen, welches Gesicht sie nach aussen haben wollen und welchen Teil der Wertschöpfung sie selbst erbringen möchten. Die Banken müssen erfinderisch werden, denn die Margen erodieren rasch. Ich bin stolz darauf, dass wir bei den Transformationsprogrammen der Banken dabei sind.
 
Wir sehen uns nicht nur als Lieferant der grossen, traditionellen Banken. Wir haben auch Kunden unter ganz modernen, digitalen Playern. Appway kann Banken von A bis Z bedienen.
 
Aber Fintech ist nicht alles. Eine gute Idee zu haben, ist eines, damit Geld zu verdienen etwas anderes. Heute schaut man noch stark auf ersteres.
 
Warum haben Sie Appway bis heute nicht verkauft? Ich nehme an, da hat schon der eine oder andere Interessent angeklopft.
 
Hanspeter Wolf: Unabhängig zu sein, ist zurzeit ein sehr cooles Gefühl. Es ist wunderschön. Wir bestimmen unsere eigene Zukunft, das Schicksal liegt in unseren Händen. Wir wollen das Buch mit unserer Geschichte selbst weiterschreiben. In unseren Köpfen haben wir die Geschichte schon weitergedacht.
 
Die Diversität in unserer Firma ist riesig. Es arbeiten Menschen aus über 40 Nationen bei uns. Nur schon das ist toll. Wir haben Kunden auf der ganzen Welt. Globale und lokale Projekte, Partner die uns immer wieder an neue Orte bringen. Es ist wie eine Weltreise, die nie aufhört.
 
Die letzte Frage: Was bereitet ihnen schlaflose Nächte? Gibt es in der ganzen Euphorie der Digitalisierung auch Gefahren?
 
Hanspeter Wolf: Neue Mitarbeiter zu finden und sie in die Schweiz zu bringen, wenn sie hier arbeiten möchten. Für uns ist es ein echtes Problem, die Arbeitsbewilligungen zu bekommen.
 
Ist es vorstellbar, dass Appway aus Zürich wegzieht?
 
Hanspeter Wolf: Wir arbeiten bereits sehr verteilt, haben aber unsere Wurzeln hier.
 
Eine weitere Herausforderung ist Wachstum. Können wir genug schnell wachsen und unsere Ideen umsetzen?
 
Wir bewegen uns in raschem Tempo. Schaffen wir es, immer alle auf die Reise mitzunehmen? Wir können nur mit einer Vision führen. Wie vermitteln und entwickeln wir sie über unsere ganze Firma verteilt? Auf diese Fragen müssen wir Antworten finden. (Das Gespräch führte Christoph Hugenschmidt)