Prantls 5A: Puzzle ITC

Um das IT-Leben ihrer Kunden verbessern zu können, führte für Puzzle ITC von Beginn an kein Weg an Linux und Open Source vorbei. Diese Entscheidung und andere Faktoren bilden noch heute das tragende Fundament ihrer Nischenstrategie.
 
„Wir orientieren uns am Prinzip von Geben und Nehmen“. Dieser zentrale Leitsatz stand bereits bei der Gründung von Puzzle 1999 Pate und wurde damals fest in die DNA des Jungunternehmens eingepflanzt. Der technisch starken, aber marketing-schwachen Amiga-Welt und ihrem Underdog-Image entsprungen, interessierten sich die drei Gründungspartner intensiv für die damals neu aufkommenden offenen Technologien wie Linux und Java. Die proprietären Software-Technologien, allen voran natürlich diejenigen von Microsoft, fanden sie weder sonderlich gut noch interessierten sie diese. Erst recht dachten sie nicht daran, auf diesen aufbauend ihre neue Softwarefirma ins Leben zu rufen.
 
So war die Fokussierung des Unternehmens auf Open Source von Beginn an klar und stand auch nie wirklich zur Diskussion. „Wir wollten anders sein als andere“ erklärt Mark Waber, CEO von Puzzle. „Wir waren vor allem überzeugt, dass Linux und Open Source den damals vorherrschenden proprietären Technologien allein aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte technisch weit überlegen waren. Wollten wir daher das IT-Leben unserer Kunden wirklich verbessern, mussten wir konsequenterweise auch auf Open Source setzen. Entscheidend kam hinzu, dass meine Partner und ich auch als Unternehmer schon damals davon überzeugt waren, dass gelebte Zusammenarbeit auf lange Sicht immer bessere und innovativere Lösungen hervorbringt als Konkurrenzkampf und Abschottung“.
 
Was aus heutiger Sicht logisch und einfach erscheint, brauchte 1999 noch einiges an Mut und Konsequenz. „Open Source-Software nahm wirtschaftlich noch niemand so richtig erst. Wir hatten sicher auch Glück, so früh auf dieses starke Zugpferd zu setzen. Im Laufe der Jahre sind wir dann mit Open Source Technologien mitgewachsen und konnten stark von deren Aufstieg profitieren“, führt Mark Waber weiter aus.
 
Gelebte Kooperation führte zu einem Mehrwert für alle
Es war aber nicht bloss der reine technische Open Source-Fokus, der Puzzle auf ihre heutige Stärke und Kraft hat wachsen lassen, sondern es sind vielmehr die drei Pfeiler der Open Source-Philosophie dafür verantwortlich: Lesbarer und verständlicher Software-Code, freie Verbreitung und Nutzung und jederzeitiges Recht auf Veränderung der Software.
 
Damit diese Philosophie in der Realität gelebt werden kann, war Puzzle von Beginn an bereit, intensiv mit anderen - auch mit Mitbewerbern - zu kooperieren, ihre geistige Arbeit offen zu legen und sich in Open Source-Communities aktiv zu engagieren. Puzzle sieht Kooperation nicht als lästige Pflicht, sondern vielmehr als tragendes Element ihres Geschäftsmodells und ihrer Andersartigkeit und damit auch ihres Erfolgs. Mark Waber sagt dazu: „Wir nutzen natürlich die Regeln in der Open Source-Welt auch für uns selbst. Sei es, dass wir bereits bestehende Software in unsere Projekte einbinden und dadurch schneller und effizienter zum Ziel kommen. Sei es aber auch, dass wir zur Wahrung unserer Unabhängigkeit den Sourcecode aller unserer Projekte im vollen Zugriff haben, egal ob er von uns stammt oder von anderen Entwicklern.“
 
Laufend geben wir der Community etwas zurück
Puzzle entwickelt nicht nur projektbasierte Kundenlösungen, sie prüft konsequent - ebenfalls der Open Source Philosophie folgend - ob die Software auch anderweitig von Interesse sein könnte und gibt sie nach Absprache mit ihren Kunden zur Weiterverwendung frei. Auf diese Weise entstand beispielsweise Hitobito, eine Open Source Webapplikation zum Verwalten von Mitgliedern und Events für Organisationen mit komplexen Strukturen (gemäss einer Meldung vom 25.10.2016 wird Hitobito von Puzzle sogar als Spin-off abgespaltet, siehe Artikel).
 
Ursprünglich für Jungwacht Blauring Schweiz entwickelt, wird Hitobito heute bei der Pfadibewegung Schweiz, einzelnen Regionen des CEVI und weiteren Organisationen eingesetzt. „Wir haben in den vergangenen Jahren von Linux und der ganzen Open Source Community so viel profitiert, dass wir auch unseren Teil zurückgeben wollen. Nein, wir müssen das sogar tun, sonst kann Open Source und die darauf aufbauende Zusammenarbeit im Sinne besserer und innovativerer Lösungen nicht funktionieren“, erklärt Waber mit voller Überzeugung.
 
Gesamtwohl ist wichtiger als die Pflege von Individualitäten
Last but not least zeigt sich die hohe Kooperationskompetenz bei Puzzle beim Verteilschlüssel des Unternehmensgewinns. Er wird nicht aufgrund eines ausgeklügelten Bonussystems an einzelne Leistungsträger verteilt, sondern simpel nach Köpfen. Damit wird unmissverständlich die Leistung der ganzen Firma honoriert und gezielt die Zusammenarbeit und der Austausch von Wissen, Erfahrung und Erkenntnissen zum Gesamtwohl gefördert. So entsteht gelebte Kooperation anstelle von Rivalitäten bereits im Unternehmen. „Wir glauben unverrückbar daran, dass wir durch Kooperation weiter kommen“, erklärt Waber.
 
Eisern an der Grundidee festgehalten
Am Schluss gesteht Waber: „Wir haben nicht nur Höhenflüge erlebt. Auf dem Weg zur heutigen Position mussten auch wir Täler durchschreiten, eine hohe Lernkurve bewältigen und uns immer wieder auf unsere Tugenden besinnen. Stolz sind wir aber vor allem, dass wir den zahlreichen nicht passenden Business-Versuchungen widerstehen konnten und dem Nischenmarkt Open Source immer treu geblieben sind“.
 
Puzzle ITC
Puzzle ITC wurde 1999 von drei technikbegeisterten Entwicklern in Bern als kleine Software- und Technologiefirma gegründet. Die Open Source-Philosophie begeisterte die Gründer so stark, dass sie beschlossen, ihre Firma konsequent auf diese Marktnische auszurichten. Puzzle wuchs zu einem erfolgreichen Schweizer Software-KMU heran und beschäftigt heute über 90 Mitarbeitende. Unter ihrem Claim „changing IT for the better“ bietet Puzzle ein breites Dienstleistungsportfolio an: Software-Entwicklung mit Requirements Engineering und User Experience Consulting, System Engineering und Middleware. Daneben entwickelt sie Open Source Lösungen mit Hilfe der dazu gehörenden Communities. Im Rahmen ihrer Unternehmensvision sieht sich die Puzzle ITC GmbH im Jahr 2020 als Ikone für Open Source Lösungen in der Schweiz.
 
Die Serie: Prantls 5A
In der Serie Prantls 5A - "Angenehm anders, als alle anderen" analysiert KMU-Berater Urs Prantl erfolgreiche IT-Unternehmen auf ihre Einzigartigkeit und porträtiert die Entstehungsgeschichte und den Kern ihrer dafür verantwortlichen Kernkompetenzen. (Redaktion)

Unser Kommentar:

„Puzzle orientiert sich am Prinzip von Geben und Nehmen“. Bei der Auswahl von Puzzle ITC als Beispiel für eine vorbildliche Kernkompetenz stolperte ich rasch über diese Aussage. Sie machte mich hellhörig und brachte mich auf die oben im Profil beschriebene, einzigartig ausgeprägte Kooperationskompetenz. Diese hat - und das zeigt das Beispiel deutlich - zwar ihren Ursprung in der technischen Open Source-Welt, wurde aber von der Puzzle-Führung weit darüber hinaus in ihrem ganzen Unternehmen über Jahre hinweg entwickelt, täglich gelebt und auf diese Weise fest verankert.
 
Die Führung von Puzzle verfolgt seit der Gründung 1999 konsequent die Philosophie von Open Source. Sie hat diese zu den tragenden Tugenden für ihr Unternehmen erklärt und lebt sie mit ihrem Team täglich vor. Als Folge davon zieht Puzzle automatisch Software-Entwickler und andere Spezialisten an, die ebenfalls so denken und damit die gleichen Werte teilen. Auf diese Weise hat es Puzzle auch geschafft, mit seiner bereits beachtlichen Grösse von 90 Mitarbeitenden eine nach wie vor hohe Konsistenz und herausragende Kooperationskultur aufrecht zu erhalten.
 
Interessant ist auch der Umstand, dass Puzzle die tragende Kernkompetenz bereits bei der Gründung mit in die Wiege gelegt und nicht - wie sonst oft - später initiiert wurde. Das führte meines Erachtens auch dazu, dass man Puzzle sowohl die Open Source Philosophie als auch die Kooperationskultur ohne Zögern abnimmt.
 
Die Kooperationskultur ist natürlich nicht alleine für den nachhaltigen Erfolg verantwortlich. Die Kunden von Puzzle kaufen schliesslich nicht die Unternehmenskultur, sondern wollen Ergebnisse. Puzzle beweist jedoch, dass ihre ausgeprägten Zusammenarbeitsfähigkeiten im eigenen Team, zusammen mit dem Kunden und mit anderen Softwareentwicklern bessere Kundenlösungen entstehen lassen, als diejenigen zahlreicher Mitbewerber im gleichen Nischenmarkt. Damit hat sie sich im Laufe der Zeit eine echte Kernkompetenz geschaffen, die ich momentan noch eher als „hidden“ bezeichnen würde. Hat sie ihre Vision 2020 jedoch realisiert und wird im Markt als Ikone für Open Source Lösungen anerkannt, dann wird die Kernkompetenz offensichtlich und für jeden sichtbar sein, davon bin ich überzeugt.
 
Eine wie bei Puzzle stark ausgeprägte Kooperationskultur, weit über die Technologie und die Unternehmensgrenzen hinweg, ist ein klarer Erfolgsfaktor für die Zukunft. In Zeiten starken Wettbewerbs werden sich vor allem kleinere Unternehmen verstärkt auf Nischenmärkte konzentrieren müssen, können sie doch nicht auf allen (Technologie-)Feldern herausragende Leistungen erbringen. Kunden suchen aber entgegen dieser Spezialisierung nach umfassenden Problemlösungen. Diesen Widerspruch lösen erfolgreiche Unternehmen künftig, indem sie systematisch und strategisch geplant auf für ihre Kunden nutzenbringende Zusammenarbeit mit anderen Lösungspartnern setzen. (Urs Prantl)