"Elefanten" der Branche im Kreuzverhör

Immer und überall die Nummer 1: Michael Dells Auftritt am Canalys Channels Forum. Im Gespräch mit Canalys-Gründer Steve Brazier.
Lanci, Dell, Weisler, Neri (HPE) und Paalvest (Cisco) stellen sich in Barcelona den Fragen des Channels.
 
Die Veranstalter des Canalys Channels Forums haben sich an ein interessantes Experiment gewagt: Anstatt die Vertreter der grössten anwesenden Hersteller mehr oder weniger inspiriert Keynotes abhalten zu lassen, mussten sich diese gestern einer nach dem anderen den Fragen des Publikums stellen. Das Publikum, Top-Manager der europäischen Distribution und des IT-Channels, stellte die Fragen über ein gut funktionierendes App, der scharfzüngige Canalys-Gründer Steve Brazier moderierte und ergänzte.
 
Natürlich sagten die Herren Dell, Lanci (Lenovo), Weisler (HP), Neri (HPE) und Paalvest (Cisco) nichts, was man nicht schon gehört hätte. Aber die Unterschiede in der Tonalität ihrer Antworten waren erstaunlich gross und liessen tief blicken. Welches Gewicht der neu entstandene IT-Gigant Dell Technologies dem Channel gibt, lässt sich daraus ablesen, dass Michael Dell himself nach Barcelona kam.
 
Interessant war aber auch, wer fehlte. IBM trat, anders als früher, nicht auf, Microsoft fehlte genauso wie die viel genannten "Hyperscalers" Google und AWS. Und natürlich war auch Oracle nicht in Barcelona.
 
Lanci fällt durch, Dion Weisler populärer als Michael Dell
Lenovo COO Gianfranco Lanci trat erstaunlich uninspiriert auf. Obwohl sich Lenovos Konkurrenz, Dell, EMC und die HPs, in den letzten zwölf Monaten vor allem dem "Financial Engineering" gewidmet hat, betonte Lanci, er halte "Execution" wichtiger als "Strategy". Er glaube, die grössten drei PC-Hersteller (Dell, Lenovo und HP) würden wachsen, während einige kleinere Hersteller untergehen werden. Lanci beantwortete die Fragen des Publikums ausgesprochen vorsichtig und erntete zum Schluss nur verhaltenen Applaus. Auch unter der europäischen Channel-Presse, die sich am Canalys Channels Forum jeweils trifft und austauscht, hinterliess Lanci nur wenig Eindruck.
 
Ganz anders Michael Dell. Der Mann, der zur Zeit die IT-Branche weltweit umkrempelt wie kein anderer, wurde nicht müde zu betonen, wie sehr Dell Technologies nun überall "die Nummer 1" sei. Dell sei die Nummer 1 beim Umsatz mit PCs, bei Storage, bei Server, mit Cloud-Software und so weiter und so fort. Und Dell investiere mehr als alle anderen in Forschung und Entwicklung, nämlich 4,5 Milliarden Dollar pro Jahr und werde die Software von VMware in die Hardware-Lösungen integrieren. Das PC-Business bleibe wichtig. Dell habe nun in 14 aufeinander folgenden Quartalen Marktanteile gewonnen und er garantiere, dass das auch im laufenden Quartal so sein werde.
 
Der wie gewohnt vor Selbstvertrauen strotzende Texaner kündigte an, seine Firma werde eine riesige Welle von neuen Produkten an der nächsten Hausmesse zeigen. Auf die Schlussfrage "Direct or Channel" antwortete er ohne wenn und aber mit "Channel" und wurde dafür mit warmen Applaus belohnt.
 
Wiederum ganz unterschiedlich der Auftritt von HP-Chef Dion Weisler. HP mache nicht nur 50 Prozent des Umsatzes mit dem Channel, sondern "fast 100", sagte Weisler (Applaus). Ansonsten sprach der Mann mit der Begeisterung eines Ingenieurs über Produkte. Nur dank der Abspaltung von Hewlett Packard Enterprise habe HP das Samsung-Printer-Business schlucken können,
Punktete mit Fokus auf Innovation: Dion Weisler, CEO HP gestern in Barcelona
so Weisler. Samsungs Printer-Technologie sei "disruptiv", weil die Samsung-Kopierer mit nur 200 Bauteilen statt 2000 auskämen.
 
HP sei nicht per se an hohen Marktanteilen interessiert, so Weislers Antwort auf Dells Nr.-1-Rethorik. Vielmehr suche HP "pockets of growth" - so sei das Business mit mobilen Geräten für den B2B-Markt zu Zeit "heiss".
 
Gibt Microsoft Windows Phone auf - und was ist dann mit X3?
Man kann mit der Canalys-Konferenz-App Fragen aus dem Publikum "liken", was in Echtzeit auf der Bühne angezeigt wird. Die Frage, was mit HPs "ich-bin-auch-ein-Notebook-Smartphone" X3 passiere, falls Microsoft Windows Phone fallen lasse, war sehr populär. Weisler glaubt offenbar nicht an das Gerücht. Windows Phone aufzugeben, mache schlicht keinen Sinn.
 
Auf die Frage, ob HP nun wieder ins Smartphone-Business einsteigen wolle, antwortete Weisler etwas kompliziert: HP wolle weitere neue "Produktkategorien", wie eben X3, aber auch wie "Desktop as a Service" erfinden, sagte der HP-Chef. Der Fokus von Weisler auf Produkte und Innovation kam beim Publikum gut an - er erntete am meisten Applaus.
 
Cloud zehnmal teurer?
HPE-GM Antonio Neri hatte es nach Dells fulminanten Auftritt schwieriger. Auch er behauptete, HPE sei die Nummer 1 (in Cloud Infrastruktur, im Server-Business nach Umsatz, ...) und betonte ansonsten, HPE fokussiere auf denn Bau von "hybriden" Rechenzentren und "intelligent Edge".
 
HPE sei nun klein, offen und flexibel. Dell habe jetzt die Herausforderung zu integrieren, während HPE sich auf neue Technologie – ob gekauft oder selbst entwickelt – konzentrieren könne.
 
In einem Punkt waren sich Neri und Dell übrigens einig: Der Bezug von Rechenleistung aus einer Cloud ist für Endkunden viel teurer als wenn man selbst Server kauft und bei sich installiert. Michael Dell behauptete, die Rechenleistung eines 5000-Dollar-Servers für drei Jahre koste bei AWS 45'000 Dollar. Neri war vorsichtiger: Cloud-Computing sei rund 30 bis 40 Prozent teurer, als Server bei HPE zu kaufen.
 
HPE hat offenbar die neuartige Computertechnologie ("The Machine") noch nicht aufgegeben. "The Machine" werde an der Hausmesse Discover in London gezeigt, so Neri. Marktreif werden die superschnellen Computer aber erst zwischen 2018 und 2020. Dies unter anderem, weil HPE für die neue Technologie ein ganz neues Betriebssystem entwickeln muss.

VCE wird weiter existieren
Ciscos EMEA-Chef Edvin Paalvest sagte erst recht wenig Neues. Warum auch? Ciscos Channel ist stabil wie kein anderer. Er betonte, dass Cisco die Zukunft im Internet der Dinge sieht, dass das Meraki-Business rasch wachse, dass man weiterhin mit vielen verschiedenen Storage-Anbietern (Nutanix, Netapp, EMC) zusammenarbeiten werde und dass sich Cisco darauf konzentriere, sicherere und stabilerere Infrastrukturen für das künftige Internet zu entwickeln.
 
Und ja: Das ehemalige Joint-Venture mit EMC, VCE, sei erfolgreich und werde weiter existieren. Obwohl Cisco-Konkurrent Dell nun EMC geschluckt hat. Der europäische Channel applaudierte höflich. (Christoph Hugenschmidt)
 
Hinweis: Cloud, Direct, Alles als Service: Wer überlebt den Wandel? Der Schweizer IT-Channel diskutiert seine Strategie am zweiten Inside Channels Forum am 26.1.2017 in Aarau. Tickets gibt es bei den Forum-Sponsoren oder direkt hier.