Prantl behauptet: Die Zukunft von Business Software ist gross - aber anders

Cloud ist nur ein Vorgeplänkel.
 
Lassen Sie mich raten. Sie sind Anbieter von Business Software und freuen sich jetzt, dass ich Ihrem Markt eine grosse Zukunft prognostiziere. Trotzdem sind Sie auch skeptisch, denn der Titel meiner Kolumne hat natürlich einen Haken. Es soll auch alles anders werden, das macht Sie misstrauisch und weckt (verständlicherweise) innere Widerstände.
 
„Software eats Hardware for Breakfast“. In Analogie zum bekannten Zitat von Management-Vordenker Peter F. Drucker „Culture eats Strategy for Breakfast“ muss ein einigermassen interessierter und informierter IT-Zeitgeist heute zwingend zur Erkenntnis kommen, dass Software unser Leben immer mehr beeinflusst und, dass sich diese Entwicklung noch massiv weiterverstärken wird. Spätestens nach der Lektüre des Bestsellers „Rise of the Robots“ des IT-Unternehmers Martin Ford (Verlag Perseus Distribution 2016, ISBN 978-0-465-09753-1) sollten daran alle Zweifel ausgeräumt sein. Und zwar trifft seine Prognose auf jede Art von Software zu, also uneingeschränkt auch auf Business Software.
 
Das hat primär zwei Gründe. Software ist erstens der „Betriebsstoff“, der physische Veränderungen steuert, also beispielsweise ein Fliessband, eine Heizung, einen Drucker, ein Auto usw. Das heisst, ohne Software (im erweiterten Sinne auch Gedanken und Ideen) verändert sich in der realen Welt nichts. Zweitens kann sich Software selbst verändern, weiterentwickeln und verbessern, ohne dass es dazu noch einen herkömmlichen Programmierer braucht. Stichworte dazu sind Machine Learning, Big Data oder neuronale Netze. Denkt man ausserdem an Megatrends wie IoT und Industrie 4.0, dann wird offensichtlich, dass es dazu auch entsprechende Business Software brauchen wird. Also, sollten wir uns in diesem Punkt einig sein: Die Zukunft (auch) von Business Software ist gross.
 
Die Software und die Art und Weise, wie wir sie produzieren und in die Anwendung bringen, wird sich hingegen grundlegend ändern (müssen). Einen ersten Vorgeschmack davon sehen wir seit einiger Zeit in der eifrig geführten Diskussion „macht Business Software aus der Cloud Sinn oder nicht?“. Noch sind hier die Skeptiker und die, welche sich faktisch dagegenstemmen, in der Überzahl. Wer hingegen voll auf den Zug aufgesprungen ist, macht oftmals das Geschäft seines Lebens, während die Widerstandsfähigen in einem nicht selten gesättigten Markt unter Einsatz all ihrer Kräfte um jeden einzelnen Kunden kämpfen müssen.
 
Doch „Cloud ja oder nein“ ist nur ein Vorgeplänkel von dem, was uns noch bevorsteht. Auch Business Software wird sich - wie übrigens alles andere auch - komplett digitalisieren und wird sich anderer Business Modelle für seine Nutzung und Verbreitung bedienen. Schluss also mit Lizenzverkauf und Jahreswartungen. Im ersten Schritt wird Software nicht mehr gekauft, sondern flächendeckend genutzt (juristisch technisch „gemietet“), im nächsten Schritt wird sich der Anwender für die Software selbst überhaupt nicht mehr interessieren, sondern nur noch das Ergebnis ihres Einsatzes haben wollen. Sei dies eine korrekt geführte Buchhaltung, perfekt gemanagtes Personal oder jederzeit vollständige, aktuelle und rechtssicher aufbewahrte Dokumente. Kommt weiter hinzu, dass sich Software künftig nicht nur - wie oben schon erwähnt - selbst wird weiterentwickeln können, sondern, dass sich auch ihre Bedienung revolutionieren wird. Mit ihrer ganzen Umwelt komplett vernetzt, wird es keine Anwender mehr brauchen, die die Software befüllen. Das wird voll automatisch passieren.
 
Was dazu führt, dass wir einen Grossteil des User Interface nicht mehr brauchen werden. Die Software wird dem Anwender nur noch Ergebnisse, Resultate und Einschätzungen liefern und die wenigen Instruktionen, die noch gebraucht werden, nimmt sie in Sprachform entgegen. Siri, Cortana und Konsorten lassen grüssen.
 
Zugegeben, all das geschieht nicht von heute auf morgen. Wie der Fall Cloud aber (all jenen, die genau hinschauen) eindrücklich zeigt, ist ironischerweise der zähe Widerstand gegenüber einschneidenden Veränderungen auch im Business Software-Markt allgegenwärtig. So predigen die Protagonisten zwar im puren Eigeninteresse gebetsmühlenartig die disruptiven Veränderungen der Digitalisierung und der damit verbundenen Ausserkraftsetzung vieler etablierter Geschäftsmodelle, während sie selbst aber Business as Usual pflegen. Wenigstens für den ersten Schritt der erkennbaren Entwicklung im Software-Markt sollten sich daher zukunftswillige Software-Anbieter schleunigst Gedanken machen und dazu passende Strategien und Geschäftsmodelle entwickeln.
 
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt er schwerpunktmässig Unternehmer aus der IT-Branche bei der aktiven und nachhaltigen Zukunfts- und Wachstumsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.