Prantl behauptet: Innovation ist Pflicht, nicht Kür - und zwar für alle

Nur: Was ist eigentlich "Innovation"?
 
"Innovation distinguishes between a leader and a follower", oder frei übersetzt, "wer innoviert entwickelt sich zum Leader, wer es nicht tut, rennt ständig mit hängender Zunge hinterher". Das Zitat wird Steve Jobs zugesprochen und es wird gerne und häufig als dringenden Appell an die Innovationskraft in unseren Unternehmen bemüht.
 
Im Kern stimme ich mit der Feststellung von Jobs überein. Ich gehe aber noch einen Schritt weiter und behaupte, dass jedes Unternehmen, egal wie gross oder finanzstark, ständig innovieren muss, um in Zeiten zunehmenden Wettbewerbs und austauschbarer Produkte und Dienstleistungen überhaupt eine langfristige Überlebenschance haben zu können.
 
Die zentrale Frage ist allerdings, was wir unter "Innovation" verstehen müssen.
 
In meinen Workshops zucken die Beteiligten nicht selten zusammen, wenn Sie auf der Vorlage zur Onepage-Positionierung den Begriff Innovationsstrategie lesen. "Dazu sind wir viel zu klein und haben auch gar nicht die nötigen Mittel", "dazu haben wir neben der Umsetzung unserer Kundenprojekte nun wirklich keine Zeit" oder "wir haben keine Forschungsabteilung zur Verfügung" bekomme ich regelmässig zu hören. Diesen Hilferufen liegt in der Regel ein zu enges Verständnis von Innovation zugrunde. Die Strategieteams stellen sich nämlich sofort die Entwicklung und Vermarktung komplett neuer, nicht selten disruptiver Produkte wie ein iPhone, eine bahnbrechende Internetplattform à la Facebook oder eine Blockbuster-App im Sinne von Uber vor. Klar sind das alles auch Innovationen. Der Kunde in der Praxis lebt aber bereits deutlich besser auch mit "einfacheren" Innovationen, vorausgesetzt sie machen das Business-Leben tatsächlich einfacher und leichter. Oftmals sind sie für ihn sogar deutlich praxisrelevanter und damit nutzenbringender als die ganz grossen Würfe, deren Mehrwert zu Beginn nicht selten mehr als fraglich ist.
 
Innovation mit echtem Mehrwert, und nur davon spreche ich hier, findet dort statt, wo sich der Innovierende eingehend mit den Problemen und Herausforderungen des Innovationsempfängers ? nämlich seines Kunden ? auseinandersetzt. Damit er dies tun kann, darf er sich nicht mit allen Bedürfnissen seiner Kunden beschäftigen, sondern er sollte sich auf ein klar definiertes Themenfeld konzentrieren. Dort wird er sich aber zum absoluten Experten entwickeln können und die Thematik besser kennen und verstehen lernen, als seine Kunden es selbst je tun könnten. Als Experte (und das kann durchaus auch das Prädikat eines Unternehmens sein) wahrgenommen, löst er sich anschliessend vom heutigen Bedarf seiner Kunden und beginnt seine Gedanken in Richtung Zukunft und Neuland zu lenken und sich laufend zu fragen, ob bestehende technische und organisatorische Prozesse nicht noch produktiver und wirkungsvoller gestaltet werden könnten und wie dies bewerkstelligt werden müsste. Die so kreierten Innovationen für sicht- und spürbare Verbesserungen und Erneuerungen sind der Motor für robuste und dauerhafte Kundenbeziehungen und damit genau das, was alle Unternehmen eigentlich suchen. Der Aufbau und die Verankerung eines festen Innovationsprozesses im IT-Unternehmen wird damit zur Pflichtübung und muss, wie etwa die monatliche Rechnungsstellung, in Fleisch und Blut übergehen.
 
Anknüpfend an das eingangs erwähnte Zitat ist damit auch klar gesagt, dass jedes Unternehmen auf seinem selbst gewählten ? oftmals eher eng definierten ? Spielfeld ein Leader sein kann. Oder anders ausgedrückt. Für jedes gute Unternehmen hat es Platz für eine Leaderstellung. Es muss seinen Platz einfach konsequent suchen, finden und bedarfs- und zukunftsorientiert entwickeln. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt er schwerpunktmässig Unternehmer aus der IT-Branche bei der aktiven und nachhaltigen Zukunfts- und Wachstumsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.