ICT-Reseller-Index: Mai hat "mit voller Brutalität zugeschlagen"

Der ICT-Reseller-Index der Disti-Preisvergleichsplattform Concerto ist im Mai auf einem historischem Tiefpunkt gelandet, schreibt Thomas Czekala.
 
Nach dem leichten Lichtblick im April hat der Mai nun mit voller Brutalität zugeschlagen: Der Index-Wert von 67 Punkten ist der tiefste Wert, den wir bislang für einen Monat ausgewiesen haben. Er liegt deutlich unter Vorjahr und Vormonat und stellt eine Zäsur dar. In den letzten Jahren haben wir noch von "negativem Trend", "schleichendem Wandel" und im März 2016 von "schnellem Wandel" gesprochen. Jetzt müssen wir einen Gang höher stellen und befinden uns in der Kategorie "abrupter Wandel".
 
Per Ende Mai beträgt die kumulierte Lücke des ICT-Reseller-Index zum Jahr 2015 -16 Prozent. Das ist deutlich mehr als nur ein "negativer Trend". Bei näherer Betrachtung wären die Absätze und Umsätze unseres Channels, ohne die positive Entwicklung der Sortimentsbereiche "andere Artikel" und "Zubehör", sogar noch schlechter und die Lücke zum Vorjahr noch grösser.
 
Computeranteil sinkt weiter
Konnte Ende 2014 noch 42 Prozent des Reseller-Handelsumsatzes über den Verkauf von Computern verbucht werden, so ist dieser Anteil im Mai 2016 auf 33 Prozent gefallen. Genau entgegengesetzt verläuft die Entwicklung bei den Artikeln, die eher im ICT-Umfeld zu finden sind und inzwischen einen Umsatzanteil von 43 Prozent aufweisen.

Dass sich etwas grundsätzlich ändert im Handel, ist offensichtlich. Seit mehr als 12 Monaten ist die über Jahre eher stabile Saisonalität ausser Kraft gesetzt. Die seit Jahren diskutierten Effekte der "Digitalen Transformation" beginnen spürbar zu greifen. Die Cloud ist in der Realität angekommen. Es herrscht zusätzlich eine generelle Verunsicherung über alle Branchen hinweg.
 
Verschiedene Trends treffen aufeinander
Statt disruptive Innovationen zu entwickeln, was immer schwieriger wird, fusionieren die grossen Hersteller und werden so noch grösser. Darüber hinaus ist über die Branchen hinweg zu erkennen, dass Servicedienstleistungen dem klassischen, physischen Produkt den Rang ablaufen.
 
Im Schweizer ICT-Umfeld treffen diese Entwicklungen geballt aufeinander:
  • Die Verlagerung von ICT-Funktionalitäten in die Cloud reduziert den Bedarf an dezentralen Rechenleistungen. Diese
Investitionen in die Cloud gehen aber vielfach am Schweizer ICT-Reseller vorbei. Denn Cloud-Services für die Schweiz werden leider oft in wenigen, zentralen Cloud-Rechenzentren im Ausland erbracht.
  • Fusionierende Firmen sparen Kosten ? als erstes wird versucht, Synergien bei internen IT-Services zu heben.
  • Unternehmen ohne neue innovative Produkte verlieren Umsatz. Mit dem Rücken zur Wand versuchen sie durch Kosteneinsparungen zu kompensieren. Global Sourcing (leider in der Regel nicht in der Schweiz) und Verlängerung der IT-Nutzungsdauer sind hier inzwischen Standard.
  • KMU und Privatpersonen, die sich in einer unsicheren Position befinden, sparen als erstes bei den aufschiebbaren Investitionen, zumal die vermeintlich alte IT heute länger hält als auch schon.
Stimmen aus dem Markt:
  • "Unsere Kunden haben die durchschnittliche Nutzungsdauer ihrer IT-Geräten von 3-4 Jahre auf nun 4-5 Jahre umgestellt. Der Zwang zum Kauf neuer Geräte fehlt aktuell."
  • "...ja, der Mai ist im Handel sogar unter dem schon schlechten März. Aber wir werden das durch Dienstleistungen mehr als kompensieren."
  • "… statt Produkte zu verkaufen, machen wir jetzt immer mehr Projekt-Geschäfte. Da ist zwar weniger Hardware-Verkauf gefragt, aber die Margen sind insgesamt deutlich besser. Wenn wir jedoch keine Hardware anbieten könnten, wäre es nicht möglich mitzuhalten." (Thomas Czekala)
Der Autor: Thomas Czekala ist Verwaltungsrat der ProSeller AG.
 
Zum ICT-ReSeller-Index
Der Index wird täglich ermittelt und einmal monatlich für den laufenden Monat fixiert. Er basiert auf den anonymisierten Suchaktivitäten der ICT-Reseller bei Verwendung der Concerto-Software-Suite und repräsentiert damit ein jährliches Einkaufsvolumen von ca. 1,5 Milliarden. Franken bzw. rund 20?000 Abfragen pro Tag.