Dell-EMC: Konsolidieren und Stellen streichen

Michael Dell präsentierte auf der jüngsten EMC World seine Vorstellungen vom neuen fusionierten Unternehmen "Dell Technologies". Sein Optimismus und seine Markteinschätzung wurden nicht von allen Teilnehmern geteilt.
 
Das war sie also: Die letzte EMC World. Ab nächstes Jahr werden die beiden bislang getrennten grossen Dell- und EMC-Veranstaltungen zusammengelegt. Geopfert wird die kleinere Dell World, die es bislang immer im Herbst in Austin gab. Deren Programm wird in die neue "Dell EMC World" eingebracht, die wie die EMC World im Frühjahr in Las Vegas stattfinden soll. Das ist einer der vielen kleinen und grossen Konsolidierungs-Schritte, die beide Unternehmen jetzt durchlaufen müssen. Was noch alles dazu gehören wird, wurde in vielen Präsentationen und Gesprächen – zumindest ansatzweise – deutlicher. Das neue Unternehmen wird Dell Technologies heissen und darin werden dann viele der bisherigen Einzelfirmen, wie VMware, Pivotal, Virtustream oder EMC Information Infrastructure, nur noch als Geschäftsbereiche erscheinen.
 
Das wird aber nur eine Übergangslösung sein, bis das, was zusammen gehört, auch organisatorisch zusammengelegt werden kann. Bekanntermassen hat Michael Dell seinen Konzern immer als eine Matrix von homogenen Marktsegmenten einerseits und Produktkategorien andererseits strukturiert. Folglich werden viele der bislang eigenständig geführten Produktbereiche mit anderen verschmelzen. Damit einhergehen wird ein kräftiger Personalumbau, der alle Hierarchieebenen betrifft, denn EMC leistet sich bislang den Luxus von sechs CEOs (EMC, EMC Information Infrastructure, VCE, Virtustream, VMware, Pivotal). Keiner davon wird diesen Titel noch lange Zeit tragen. Das wissen die Betroffenen natürlich auch und so traten die lange Zeit als Kronprinzen gehandelten Manager Paul Maritz (Pivotal) und Pat Gelsinger (VMware) schon gar nicht mehr auf. "Wahrscheinlich müssen sie Vorstellungstermine wahrnehmen", witzelte ein Teilnehmer, als EMCs Marketing-Managerin Nina Hargus zur Kongress-Eröffnung die Agenda vorstellte.
 
Rotstift im Storage-Business
Und dann ist da noch VCE, also das einstmals gegen HP und IBM gegründete Gemeinschaftsunternehmen von VMware, Cisco und EMC. Die Idee war, Storage von EMC, Server und Netzwerke von Cisco und Virtualisierung von VMware zusammenzufassen. Doch spätestens seit der Akquisition von Nicira durch VMware im Sommer 2012 sah sich Cisco von EMC und seinen Tochtergesellschaften geprellt und liess die Kooperation mehr oder minder einschlafen. Jetzt, in der Verbindung mit Dell, ist für Cisco erst recht kein Platz mehr. Damit dürfte auch VCE in Dell Technologies aufgehen. "Bislang machen wir nichts mit Dell-Servern, doch das wird sich jetzt sicher ganz schnell ändern", bestätigte VCEs COO Todd Pavone die neue Marschrichtung.
 
Was die weitere Konsolidierung angeht, so wird es den Storage-Bereich besonders hart treffen. Michael Dell räumte schon in der Pressekonferenz ein, dass es „am unteren Ende der Storage-Produkte Überlappungen gibt“. Interessanterweise stellte EMC auf der Veranstaltung die neuen Storage-Arrays Unify vor, die sich speziell an kleine und mittlere Unternehmen richten – also genau in den Überlappungsbereich mit Dell fallen. Dells Äusserungen bedeuten also im Klartext: Einstellen von redundanten Produkten und den dazugehörigen R&D-Aktivitäten sowie Konsolidierung von Vertrieb und Marketing.
 
Der damit einhergehende Stellenabbau kommt zu Stellenstreichungen hinzu, die durch den schrumpfenden Storagemarkt
Ein eher defensiver Slogan an der letzten EMC World.
verursacht werden. IDC meldete jüngst, dass der weltweite Umsatz der fünf führenden Storage-Anbieter zusammen um gut vier Prozent auf 22 Milliarden Dollar gefallen ist. EMC kam dabei mit einem Minus von "nur" 451 Millionen Dollar noch relativ glimpflich weg. Das ist etwa genauso viel wie der Rückgang beim Erzkonkurrenten NetApp, der bereits einen Personalabbau um zwölf Prozent angekündigt hat. Aber nicht nur EMC hat mit schrumpfenden Umsätzen und Märkten zu kämpfen. Auch Dell berichtete für 2015 einen um sechs Prozent auf 14 Milliarden Dollar gefallenen Umsatz. Massgeblichen Anteil daran hatte das weiterhin rückläufige PC-Geschäft. Laut IDC verkaufte Dell im vorigen Jahr 39 Millionen PCs – sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor. "Der Dell-EMC-Merger ist ähnlich zu vielen vorangegangenen grossen Fusionen: Man legt zwei Kranke zusammen ins Bett und hofft, dass ein Gesunder aufsteht", sagt die Wirtschafts-Professorin Aija Leiponen von der Dyson School of Applied Economics.
 
Dell technologisch im Rückstand?
Michael Dell lobte jedenfalls die anstehende Fusion vehement und konnte es auch nicht lassen, ein paar Seitenhiebe auf HP auszuteilen: "Ein Unternehmenssplit verursacht unnötige Kosten und einen unnötigen Overhead – so kann man nicht auf massive Marktveränderungen reagieren", war eine seiner Spitzen an die Adresse von Meg Whitman. Doch ein Dell-Partner, der als Teilnehmer ebenfalls der Keynote beiwohnte, war da anderer Ansicht. "Wir arbeiten auch mit HPE zusammen, und deren Product-Roadmap ist der von Dell um drei Jahre voraus. HPEs Sales-Team weiss genau, was in der Pipeline ist und was wann kommen wird – die Dell-Leute sind dagegen alle komplett ahnungslos", war seine scharfe Kritik.
 
Dell und EMC verfügen derzeit zusammen über einen Personalbestand von 170'000 Mitarbeitenden. Der neue Dell-Konzern wird mit Sicherheit weit weniger Leute beschäftigen. Die beiden mit der Integration beauftragten Manager, Howard Elias bei EMC und Rory Read bei Dell, bestätigten in ihren Präsentationen einen bevorstehenden Stellenabbau. "Wie bei allen Fusionen, werden auch bei uns Entlassungen unvermeidbar sein", sagte Read unverblümt in seiner Präsentation.
 
Rund 67 Milliarden Dollar will Dell für EMC bezahlen, doch das Geld hat man nicht in der Portokasse, sodass der Kauf weitestgehend auf Pump abgewickelt werden muss. Bloomberg meldete soeben, dass Dell noch in diesem Monat hochabgesicherte Schuldverschreibungen im Gesamtwert von 16 Milliarden Dollar ausgeben will. Hinzu kommt ein Kredit von acht Milliarden Dollar von einem Investment-Konsortium. Bereits im Dezember soll Dell von einer Gruppe von 24 Banken einen Kredit in Höhe von elf Milliarden Dollar erhalten haben. Des Weiteren soll die Übernahme auch durch den Verkauf von EMC-Vermögensteilen finanziert werden.
 
Cloud-Bauer, nicht -Anbieter
Was die zukünftige strategische Ausrichtung angeht, so sieht man gute Chancen im Cloud-Computing. "Dell und EMC werden ein grosser Cloud-Infrastruktur-Anbieter", sagte David Goulden, CEO von EMC II, in seiner Keynote. Doch auch auf Nachfragen könnte er nicht erklären, worauf sich dieses Angebot bezieht. Die grossen Cloudprovider wie Amazon, Google oder Microsoft entwickeln und betreiben ihre eigene Infrastruktur. Als Basis für die EMC-eigenen Cloud-Provider vCloud und Virtustream kann es nicht gemeint sein, denn diese Umsätze wären keine externen Erlöse. Bleiben noch die vielen kleinen spezialisierten Cloud-Provider, die aber alle nach-und-nach von der Bildfläche verschwinden, da sie mit den ruinösen Preisen der Grossen nicht mithalten können, sowie die vielen internen Cloud-Strukturen. Letzteres ist aber immer häufiger nur eine Vorstufe zum endgültigen Auslagern in eine Public-Cloud – also nicht unbedingt ein Wachstumsmarkt.
 
Die nächsten ein bis zwei Jahre werden zeigen müssen, ob der Dell-EMC-Merger wirklich die erhofften Synergien liefert. Grösse und marktspezifische Expertise sind nicht immer ein Garant für erfolgreiche Fusionen. HP, IBM und Oracle mussten das schon mehrmals schmerzlich erleben. (Harald Weiss)