Prantl behauptet: Wir brauchen mehr echtes Unternehmertum

Die drei Typen von Unternehmern. und was diese mit der Nachfolgefrage zu tun haben.
 
In den vergangenen Jahren durfte ich drei grundsätzlich unterschiedliche Unternehmertypen kennen lernen. Da gibt es diejenigen, die eine Firma gründeten, um sich einen Arbeitsplatz zu schaffen. Dann gibt es welche, die durchaus grössere Ziele verfolgen. Gerade in der IT ist dieser Unternehmertypus oftmals von einem Produkt oder einer Technologie getrieben, welche er entwickelt hat und, die er jetzt zum Erfolg führen möchte. Nicht selten sind die, ich nenne sie mal "Ziel-Unternehmer", aber auch davon getrieben sich persönlich zu verwirklichen oder dann reich oder berühmt oder beides zu werden.
 
Der dritte Typus – und für mich bis anhin der interessanteste – wurde mir gerade kürzlich in zwei Praxis-Fällen wieder einmal gnadenlos eindrücklich vor Augen geführt.
 
Wir befanden uns mitten in einem Strategie-Workshop mit zehn Teilnehmern. Hauptgegenstand war ein mittleres Systemhaus, ich nenne es hier einmal A. Fünf der Workshopteilnehmer – inklusive der beiden Inhaber – kamen aus diesem Unternehmen A. Die anderen fünf Teilnehmer repräsentierten im Team das deutlich grösseres Systemhaus (B), das sich gerade eben mit der überwiegenden Mehrheit der Anteile beim "Strategie- und Workshopgegenstand" eingekauft hatte.
 
Das Fünferteam vom aufgekauften Systemhaus A hatte während der letzten Stunde, gecoached von ihren neuen "Eigentümern" eine Wertelandkarte ihrer Unternehmenskultur erarbeitet und wir sassen alle davor, als ich den Inhaber vom Käufer B fragte, in wie weit sich seine Werte mit denen von A in Prozenten decken würden. Er dachte kurz nach und meinte dann zu meiner und wahrscheinlich auch der aller Anwesenden grossen Erleichterung, "zwischen 90 und 100 Prozent". Doch dann fuhr er fort und erläuterte, dass sein Unternehmen über zusätzliche Werte verfüge, die er bei A nicht fände und in diesem Sinne bestehe aus der Sicht seiner Firma bloss ein Deckungsgrad von vielleicht 60 Prozent. "Ich denke beispielsweise an Werte und langfristige Zielsetzungen wie die Schaffung von nachhaltigem Unternehmenswert im materiellen aber vor allem auch im immateriellen Sinn und an die sichere Überführung meines Unternehmens in die nächste Generation. Alles Dinge, die ich mir und meinem Umfeld schuldig bin und die von mir erwartet werden, da bin ich mir absolut sicher".
 
Der zweite Fall spielte sich einige Tage später in einer, von einem jungen Unternehmer schriftlich selbst verfassten Unternehmensvision ab. Er beschrieb dort sehr eindrücklich und plausibel, wie er mit seinem Unternehmen eine hohe Alleinstellung im Markt erreichen wolle, verbunden mit all den erstrebenswerten Folgen wie hohen Preisen, wenig Wettbewerb und Kunden, die quasi von alleine kommen. Dann kam er plötzlich auf ein Oberziel zu sprechen, welchem alle anderen untergeordnet seien. Und dieses Oberziel lautete schlicht und einfach "langfristiger Erhalt des Unternehmens in Familienhand". Mit "langfristig" dachte er übrigens an Generationen.
 
"Echte" Unternehmer definieren sich in meinem Verständnis daher nicht durch die banale Unterscheidung von "unternehmen, nicht unterlassen", sondern primär durch eine langfristige Perspektive, die durchaus auch mehr als eine Generation umfassen kann, wie mein zweiter Fall eindrücklich zeigt. Auch wenn sich dieser nicht in der IT, sondern in einer bereits jahrhundertalten Branche zugetragen hat, sind es die Ausrichtung auf lange Sicht verbunden mit dem Bedürfnis, bleibende Werte von tragender Bedeutung zu schaffen, welche die Grundlage für robuste, dauerhaft nutzenbringende und damit "wertvolle" Unternehmen bilden. Auch wenn die IT als Industriezweig erst wenig älter als eine Generation ist, gelten meiner Ansicht nach hier die gleichen Regeln.
 
Im gleichen Zusammenhang steht auch die viel diskutierte Nachfolgeproblematik. Über ein Fünftel der Schweizer KMU wollen in den nächsten fünf Jahren das Eigentum übergeben. Darunter hat es auch eine grosse Zahl an IT-Firmen, ich kenne selbst einige davon. Man spricht von über 450'000 Arbeitsplätzen, die damit verbunden sind. Unternehmer, welche ihre Firmen in den vergangenen Jahrzehnten allerdings gemäss Typus eins oder zwei geführt haben, werden es schwer haben, ihr Unternehmen erfolgreich weitergeben oder gar verkaufen zu können. Denn, wer kauft sich schon den Arbeitsplatz eines anderen oder eine Firma, die extrem auf die Persönlichkeit des vorherigen Unternehmers ausgerichtet ist und damit – sind wir mal ehrlich – ohne ihn kaum eine Überlebenschance hat?
 
Im eigentlichen Sinne des Begriffs "wertvoll" und damit interessant und attraktiv für Käufer und Nachfolger sind eigentlich nur Unternehmen, welche vom Unternehmertypus drei aufgebaut und geführt wurden. Diese Unternehmen verfügen über eine klare, langfristige und nutzenorientierte Vision und – das ist absolut wesentlich – über ein echtes Eigenleben, das sie von ihren Gründern unabhängig macht.
 
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt er schwerpunktmässig Unternehmer aus der IT-Branche bei der aktiven und nachhaltigen Zukunfts- und Wachstumsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.