Prantl behauptet: Jobsuche funktioniert wie Kundensuche

Stellensuchende sollten sich Jobs auch selbst "designen".
 
Ich kenne keinen IT-Unternehmer, der sich bei seiner Neukundengewinnung nur auf Ausschreibungen verlässt. Der also wartet, bis ein potenzieller Kunde irgendwo im Markt sich seiner IT-Bedürfnisse so weit bewusst ist, dass er dazu eine Ausschreibung formuliert und diese dann auch noch auf einem dafür vorgesehenen Portal publiziert. Der anschliessend diese Ausschreibung findet und sich darauf bewirbt in der Hoffnung, den Zuschlag zu bekommen. Selbstverständlich spielen Ausschreibungen bei vielen IT-Anbietern nach wie vor eine wichtige Rolle, sich aber ausschliesslich darauf zu verlassen, kommt wohl keinem verantwortungsvollen Unternehmer in den Sinn.
 
Diametral anders agieren hingegen Fach- und Führungskräfte auf der Suche nach ihrem nächsten (Traum)Job, und davon kenne ich auch einige. Sie erstellen zwar ebenfalls ihre "Angebotsbroschüre", sprich Bewerbungsunterlagen, anschliessend biegen sie aber direkt auf die passive Schiene ein und warten, bis sich ein für sie geeigneter Job anbietet. Da der Job-Ausschreibungsmarkt sehr liquide ist, müssen sie in der Regel auch nicht lange warten. Rasch sind ? vermeintlich ? passende Stellen gefunden. Insbesondere Jobsuchende im fortgeschrittenen Alter können jedoch über die anschliessenden Bewerbungsorgien und die damit verbundenen Frustrationen und Enttäuschungen ein langes Lied singen. Schnell kommen da pro Monat dutzende wenn nicht gar fünfzig und mehr Bewerbungen ? meist ohne den Hauch einer Chance ? zusammen. Was für eine immense Ressourcen-Verschwendung.
 
Aus Sicht der Jobsuchenden läuft offensichtlich einiges schief. Allerdings dafür den "bösen" HR-Managerinnen und -Managern in den Unternehmen die Schuld zuzuschieben, wäre zu einfach. Im Gegenteil, das fundamentale Problem liegt in der festgefahrenen Vorstellung der Stellensuchenden, sich auf ausgeschriebene Angebote bewerben zu MÜSSEN. Statt sich den gewünschten Job massgeschneidert selbst zu "designen" und ihn anschliessend zu suchen, zu finden und sich dann eigeninitiativ und passgenau darauf zu bewerben.
 
Diese strategisch motivierte Initiativbewerbung macht nämlich ganz gezielt die Nachteile des heute zu 99 Prozent praktizierten 08/15-Vorgehens unwirksam und gibt vor allem älteren Bewerbern signifikant besser Chancen.
 
So wird die Konkurrenz komplett ausgeschaltet, da der potenzielle Arbeitgeber nur eine Bewerbung bekommt. Er wird sie mit hoher Sicherheit anschauen und ihr eine deutlich höhere Aufmerksamkeit schenken, wie wenn er dutzende Bewerbungen durchschauen müsste.
 
Weiter fällt die Vergleichbarkeit und damit die Austauschbarkeit zwischen den Bewerbungen völlig dahin. Einerseits, weil sie wie oben schon dargestellt die einzige ist, andererseits, weil sie sich nicht auf eine standardisierte Ausschreibung bezieht, sondern auf eine vom Bewerber eigens "kreierte", für ihn massgeschneiderte Stelle.
 
Last but not least werden die Anforderungen an die Stelle nicht vom Arbeitgeber definiert, sondern vom Bewerber selbst. Da er seine Wunschstelle selbst gestaltet hat, ist es logisch, dass seine Qualitäten, Kompetenzen und Erfahrungen optimal dazu passen. Gerade ältere Jobsuchende, die oftmals hinsichtlich ihrer IT-Grundausbildung nicht mal mit einer Fachausbildung, geschweige denn mit einer FH oder Uni punkten können, haben so die Chance, ihr wahres und über Jahre hinweg bewiesenes Können zielgerichtet "zu verkaufen" und damit zur Wirkung zu bringen.
 
Nicht selten wird mir an dieser Stelle skeptisch entgegnet, dass die strategische Initiativbewerbung auch nichts bringe, wenn sie jeder anwenden würde. Keine Angst, diese Gefahr besteht nicht. Der Aufwand dieses Verfahrens ist für die Jobsuchenden um Faktoren grösser und wird erfahrungsgemäss nur von Wenigen (meist schon Verzweifelten) auf sich genommen. Die ernüchternden und frustrierenden Erfahrungen einer gerade kürzlich für eine Softwarefirma durchgeführte Stellenausschreibung haben mir aber einmal mehr gezeigt, dass sich sowohl für Jobsuchende als auch für Unternehmen viel Zeit sparen liesse und, dass vor allem passendere und damit erfolgversprechendere Anstellungen zu Stande kämen. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt er schwerpunktmässig Unternehmer aus der IT-Branche bei der aktiven und nachhaltigen Zukunfts- und Wachstumsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.