Prantl behauptet: "Wachstum unterliegt keinem Wahlrecht"

Was ist "gutes" Wachstum für KMU?
 
Für einmal behaupte nicht ich das. Es ist der Wachstumsexperte Oliver Wegner, der an der Abendveranstaltung aus der Business-Reihe focus on future am vergangenen Montagabend in Baden ein anregendes Referat zum Thema "Gesundes Wachstum in Unternehmen? hielt und sich entsprechend positionierte. Und er hat vollkommen recht, wenn auch nicht auf die Weise, in welcher der Mainstream es versteht.
 
Die Formel der Ökonomen ? und die hat sich weltweit durchgesetzt und quasi zum Dogma entwickelt ? ist im Prinzip einfach: Wachstum führt zu mehr Wohlstand. Wohlstand ist absolut erstrebenswert, da wir alle nicht mehr wie im Mittelalter leben möchten. Wir haben also kein Wahlrecht auf Wachstum, wir müssen ständig weiter wachsen. Gemessen wird das Wachstum volkswirtschaftlich an der Zunahme des Bruttoinlandproduktes BIP, unternehmensintern an der Zunahme des Gewinns vor Steuern und bei börsennotierten Firmen an ihrem Aktienwert. Wenn wir also wollen, dass es uns morgen besser geht als gestern, dann müssen wir von allem immer mehr produzieren und als Konsumenten natürlich auch verbrauchen.
 
Wachstum als Selbsttäuschung
Dabei wird völlig unterschlagen, weil für die Statistiken natürlich absolut entscheidend, dass im BIP auch jede Menge unsinniger, unnützer und auch schädlicher Produkte und Dienstleistungen mitgemessen werden, und dass in den Unternehmen Gewinne nicht nur mittels Wertschöpfung für Kunden erzielt werden können, sondern auch mit radikalen Kostensenkungsmassnahmen, Massenentlassungen oder auch Bilanzfälschungen. Ins Perverse gedreht bedeutet dies, dass der Wohlstand also statistisch gesehen zu einem signifikanten Teil auch mit "schlechten" Gütern und "schlechter" Unternehmensführung geschaffen wird. Wir bescheissen uns über weite Strecken selbst.
 
Und trotzdem bin auch ich überzeugt, "Wachstum unterliegt keinem Wahlrecht". Das zeigen alle Fälle meiner Beratungspraxis, die guten und die weniger guten. Wer nicht wächst, hat mit seinem Unternehmen mittel- und langfristig keine Überlebenschance. Allerdings müssen wir von einem anderen Verständnis von Wachstum ausgehen und uns von den ? leider auch bei KMU ? heute üblichen Erfolgsgrössen "Umsatz", "Anzahl Mitarbeiter", "Gewinn" oder "Marktanteile" als alleine seligmachende Zielgrössen verabschieden.
 
Was qualitatives Wachstum ausmacht
Sie ahnen es schon, Wachstum muss vor allem qualitativ verstanden werden. Genau daran dachten wahrscheinlich die teilnehmenden IT KMU-Unternehmer in Baden auch, als sie intuitiv bei der Titelbehauptung in Abwehrhaltung gingen. In der Praxis denken und planen sie zwar meist in rein quantitativen Grössen, das haben sie bedauerlicherweise von den grossen Unternehmen und der BWL unreflektiert übernommen, in der Realität kümmern sich ihre Teams und sie aber glücklicherweise meist um die qualitativen Aspekte in ihren Unternehmen.
 
Was ist qualitatives Wachstum im Unternehmen genau? Allgemein formuliert ist es die Fähigkeit, heutige und künftige Kundenprobleme immer besser lösen zu können. Im Speziellen bedeutet es tiefgreifende Beschäftigung mit Kundenproblemen und das Suchen von immer besseren Lösungen. Man nennt das dann Innovation und es führt zu einer hohen Kundenloyalität und Wiederkaufsrate. Es bedeutet aber auch verantwortungsvolle Führung statt Delegation der Führungsverantwortung an Leistungsanreizsysteme. Und es bedeutet ebenfalls zielorientierte Mitarbeiterentwicklung und -qualifizierung, man nennt dies dann Pflege der Unternehmenskultur und sie führt unter anderem zu tiefer Fluktuation und einer hohen Mitarbeiterzufriedenheit bei niedrigen Krankenständen. Weiter bedeutet es, dass intensiv am ? statt bloss im ? Unternehmen gearbeitet wird mit dem Ziel, dieses für seine Kunden sichtbar vom Wettbewerb zu unterscheiden und damit in seiner Anziehungskraft laufend zu verbessern. Das nennt man dann Kernkompetenzen, Wettbewerbsvorteile bis hin zur absoluten Alleinstellung.
 
Alle oben beschriebenen, qualitativen Wachstumsschritte können gegangen werden, ohne dass an den quantitativen Wachstumsgrössen herum geschraubt werden muss. Sie sind sogar realisierbar, ohne dass Wachstum im klassischen Sinn stattfinden muss. So kann ich mir problemlos eine gute IT-Bude vorstellen, die zwar umsatzmässig und von der Zahl ihrer Mitarbeiter her gar nicht oder nur marginal wächst, hinsichtlich ihrer Problemlösungskompetenz aber Meilenschritte vollbringt und sich kontinuierlich zur "Best of Class" entwickelt. Als Folge davon, das gebe ich zu, wird sich irgendwann (meist früher als später) auch die Profitabilität massiv verbessern.
 
Wenn ich mir die Unternehmen, welche ich in den letzten Jahren intensiver kennen lernen durfte vor meinem geistigen Auge vorstelle, dann erkenne ich sehr rasch, wer qualitativ wächst, sich also laufend verbessert und im Sinne von höherer und nutzenbringender Wertschöpfung für seine Kunden weiterentwickelt. Ich erkenne auch diejenigen, die diesbezüglich an Ort treten, auch wenn sie möglicherweise jetzt noch ihren Umsatz steigern können. Dieses innere Bild lässt für mich nur einen Schluss zu: "Wachstum unterliegt keinem Wahlrecht", da hat Oliver Wegner völlig recht. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (53) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit Ende 2011 unterstützt der primär IT- und Softwareunternehmer bei der aktiven und nachhaltigen Zukunftsgestaltung ihrer Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.