Industrie 4.0 in der Schweiz: Verschlafen oder verschwiegen?

Vier Schweizer Verbände lancieren das Thema "Industrie 4.0" – lange nach den deutschen Kollegen. Hat die Schweizer Industrie den Megatrend verschlafen oder einfach nicht darüber gesprochen?
 
Vier Industrieverbände haben gestern Dienstag die Initiative "Industrie 2025" lanciert. Die Verbände sind Swissmem (Maschinen- und Elektroindustrie), Asut (Telekommunikation), swissTnet (Technologiebranchen) und Electrosuisse (Elektrotechnik, Normierung). Es geht um den Megatrend Industrie 4.0.
 
Die Ziele von "Industrie 2025" sind schweizerisch bescheiden. Man will Unternehmen über Industrie 4.0 informieren, sensibilisieren und sie vernetzen.
 
Warum erst jetzt? Warum so bescheiden?
Die Initiative "Industrie 2025" stiess bei der Präsentation im Campus der FHNW in Windisch gestern zwar auf einiges Medieninteresse, ist aber eher eine kleine Sache. Finanziert wird das als Verein organisierte Projekt durch die vier Verbände, bei der Präsentation waren weder Vertreter der Forschung noch von staatlichen Organen anwesend. Wie viel Geld die Verbände für die Initiative in die Hand nehmen, wollte Swissmem-Präsident Hans Hess an einer Medienveranstaltung in Windisch nicht sagen. Er räumte aber ein, dass die Mittel "bescheiden" seien. Es gehe darum, verschiedene Industrien, aber auch Forschung und Lehre zu vernetzen, Akteure zu fördern und Aktivitäten zu koordinieren. Verbände alleine würden aber nichts erreichen, sondern es liege an den einzelnen Firmen, neue Produkionsmethoden und Geschäftsmodelle zu entwickeln, so Hess.
 
Vergleicht man "Industrie 2025" mit den Aktivitäten zum Thema Industrie 4.0 in Deutschland oder zu "IoT" im Silicon Valley, kommt der Eindruck auf, die Schweiz hinke massiv hinterher, habe den Megatrend verschlafen und spare nun am falschen Ort.
 
Glaubt man Peter Grütter (Asut), Gabriele Gabrielli (Electrosuisse), Hans Hess (Swissmem) und René Brugger (swissT.net), die gestern das Projekt vorgestellt haben, so täuscht der Eindruck. Bei Industrie 4.0 geht es zum Beispiel um die Individualisierung der Produktion: Jedes Auto, das vom Fliessband rollt, wäre dann ein einzelnes, kundenspezifisches Produkt. Kleine Losgrössen, flexiblere Maschinen und kurze Umrüstzeiten seien aber in der Schweiz schon seit langem ein Thema, sagte Hess. Nicht nur deshalb sei der Industriestandort Schweiz prädestiniert für Industrie 4.0.
 
Überhaupt sei in der Schweiz schon viel investiert worden, allerdings nicht unter dem Titel Industrie 4.0. Und Firmen, die nicht schon vor 2015 in Digitalisierung investiert haben, hätten ein Problem, sagte zum Beispiel Gabrielli.
 
Wie wird Industrie zu "Industrie 4.0?
Nur rosa wollte aber niemand malen. Es gehe darum, die Denkhaltung der Maschinenindustrie zu ändern, sagte Brugger. Davon handelt auch die "Charta", mit der eine gemeinsame Sichtweise von Industrie 4.0 aufgebaut werden soll.
 
Warum "nur" Asut?
Einigermassen erstaunlich finden wir, dass seitens der ICT-Branche der Telekommunikationsverband Asut an der Initiative beteiligt ist, aber weder der Dachverband ICTSwitzerland noch Swico, Simsa oder SwissICT mitmachen. Gemäss Grütter habe ICTSwitzerland habe nicht die Kapazität sich an einem solchen Projekt zu beteiligen. Weitere Partner könnten ausserdem noch dazustossen.
 
ICT + Produktion + Digitalisierung = Industrie 4.0
Der Begriff Industrie 4.0 ist nicht neu, sondern wird in Deutschland bereits seit 2011 als Slogan für die vierte industrielle Revolution verwendet. Wir erinnern uns: Die erste industrielle Revolution war die Ersetzung von menschlicher und tierischer Kraft durch Dampfmaschinen und andere Motoren. Mit der zweiten ist die Einführung von Massenproduktion durch Fliessbänder und ähnlichem gemeint. Wir erinnern uns an die ersten eschwinglichen Autos (Ford T) und an Chaplins 'Modern Times'. Die dritte industrielle Revolution ist die Einführung von Elektronik bei der Produktion: Zum Beispiel CNC-gesteuerte Maschinen oder Lichtsatz respektive DTP.
 
Beim Begriff Industrie 4.0 geht es nicht nur um neuartige Produktionsmethoden durch Einbezug des "Internet der Dinge" und von "Big Data", sondern auch um neue Geschäftsmodelle. Ein gutes Beispiel ist "predictive Maintenance": Mit Sensoren ausgerüstete Maschinen steuern Wartungsarbeiten. (hc)

Unser Kommentar:

Raus aus dem Silo: Eine Chance für die ICT-Industrie
 
Man lobte sich und die Schweizer Industrie, verschwieg aber auch nicht, dass der 15. Januar und der seither gegenüber dem Euro massiv verteuerte Schweizer Franken den Druck auf den Werkplatz verstärkt hat. Ein Teil der Mittel für Forschung und Entwicklung in der Schweizer Industrie werde sich nun in Richtung Industrie 4.0 bewegen, sagte Hess. Doch in verschiedenen Unternehmen fehle es noch an Informatik-Kompetenz.
 
Genau dies ist eine Chance für die Schweizer ICT-Branche. Denn viele Industriefirmen werden IT-Kompetenzen zukaufen wollen und müssen. Während die Finanzbranche zunehmend Informatik weltweit einkauft und Kompetenz-Zentren ausserhalb der Schweiz aufbaut, tut sich mit der Industrie (nicht erst seit heute) ein Wachtumsmarkt für hiesige IT-Dienstleister auf.
 
Einige Erfolgsstories sind bekannt. So erwähnte Grütter eine Lösung für predictive Maintenance, die Zühlke für den Baumaschinen-Hersteller Liebherr gebaut hat und wir schrieben schon 2011 vom Ergon-Belimo-Projekt. (Christoph Hugenschmidt)