Prantl behauptet: Ein erfolgreiches Startup braucht nicht primär Risikokapital

Kolumnist Urs Prantl über das fehlende Element in der europäischen Startup-Kultur.
 
Viele gescheite Leute haben sich bereits intensiv mit den Erfolgsfaktoren beim Gründen und beim Aufbau von jungen Unternehmen beschäftigt. Unisono ist klar: Es braucht eine gute Geschäftsidee, engagierte Gründerpersönlichkeiten, die fest daran glauben, einen fundierten Businessplan und das dazu nötige Risikokapital und fertig ist die Erfolgs-Mixtur.
 
Gleichzeitig fragt man sich laufend, wieso (fast) alle extrem erfolgreichen IT-Neugründungen der letzten Jahre aus den USA kommen, man denke nur an Google, Facebook, Instagram, WhatsApp, Evernote und zahlreiche andere. Die Antwort darauf ist dann auch meist schnell gefunden. Es sei vor allem das grosszügig vorhandene Risikokapital, welches Neugründungen ermögliche und zum extremen Erfolg führe. Dementsprechend wird gefordert, dass vergleichbare Rahmenbedingungen auch in Europa geschaffen werden müssen oder sogar direkt der Staat mit Risikokapital nachhelfen soll, wie es beispielsweise einige deutsche Bundesländer mit Hilfe ihrer Banken für Wirtschaftsförderung aktiv tun.
 
Christoph Keese (Journalist und GL-Mitglied im Springer-Verlag) befasst sich in seinem neuen Buch "Silicon Valley" ebenfalls intensiv mit der gründungsfreundlichen Investitions- und Kapitalbeschaffungskultur, zeichnet aber ein differenzierteres Bild. In diesem Sinne ist sein Beitrag absolut wichtig für das Verständnis der extremen Startup-Erfolge aus dem Silicon Valley.
 
Keine Frage! Risikofreudiges Startkapital ist für Neugründungen wichtig. Es ist aber meiner Meinung nach nicht fundamental für dessen Erfolg verantwortlich. Die Wurzel für den erfolgreichen Aufbau von Milliarden-Unternehmen von Null auf Einhundert in wenigen Jahren vor allem in den USA liegt vielmehr in der fehlenden, beziehungsweise deutlich geringeren Angst vor dem unternehmerischen Scheitern und der damit verbundenen gesellschaftlichen Reaktionen, wenn dies dann doch mal passiert (was logischerweise auch in den USA an der Tagesordnung ist). Im Gegenteil, viele Startup-Investoren vertrauen sogar nur Unternehmern, die schon mindestens einmal eine Firma an die Wand gefahren haben. Denn nur die wissen aus eigener Erfahrung, wie sich Scheitern anfühlt und haben dementsprechend daraus gelernt. Den immer nur erfolgreichen Unternehmern fehlt damit eine entscheidende Erfahrung, was sie in den Augen vieler als weniger vertrauenswürdig und auch weniger fähig einstuft.
 
Hier in Europa – und damit auch in der Schweiz – ticken wir diametral anders, auch das führt Keese in seinem oben erwähnten Buch treffend aus. Wer mit seinem Unternehmen nicht einigermassen erfolgreich wurde oder es gar in den Konkurs hatte führen müssen, ist mit dem gesellschaftlichen Stigma eines Verlierers gebrandmarkt. Um also die Gründungsbereitschaft und damit mittel- bis langfristig die Schaffung neuer Arbeitsplätze zu fördern, genügt es nicht, Symptome zu bekämpfen (z.B. bloss das fehlende Risikokapital zu fördern), sondern es braucht das unerschrockene (An)Erkennen der Realitäten. So wie dies der deutsche FDP-Chef Christian Lindner in seinem Ausbruch unmissverständlicher Klarheit zur Gründungskultur anfangs Februar im Landtag von Nordrhein-Westfalen auf den Punkt brachte. Es sei die tief sitzende Angst vor dem unternehmerischen Scheitern und seiner gesellschaftlichen Ächtung, welche Gründungswillige oft vor dem grossen Schritt in die Selbständigkeit bewahren, stellt er dort an die Adresse eines "SPD-Beamten" unmissverständlich fest.
 
Leider führt die Angst vor dem unternehmerischen Scheitern und der damit verbundenen Stigmatisierung auch bei bereits gestandenen (IT-)Unternehmern oftmals dazu, dass sie unnötig risikoavers werden und in der Folge deutlich kleinere Brötchen backen, als es ihrem Potenzial möglicherweise entsprechen würde. Damit beschränken sie sich selbst in ihren Möglichkeiten und sind mit weit weniger zufrieden, als eventuell drin liegen würde. In der Folge bleiben sogar dann grössere Würfe aus, wenn bei festgefahrenen Strategien, sinkenden Profiten und zunehmender Unzufriedenheit sowohl bei Kunden wie auch bei Mitarbeitenden ein beherztes Eingreifen dringend von Nöten wäre.
 
Unternehmerisches Scheitern war und ist auch für mich übrigens keine Option, obwohl ich für meinen Weg in die Selbständigkeit mit fünfzig mehr als einmal für verrückt erklärt wurde. Was einmal mehr beweist, dass sich dermassen tief sitzende Dogmen nicht einfach intellektuell auflösen lassen, sondern dass diese oftmals einen oder gar zwei Generationenwechsel brauchen, um dauerhaft aufgeweicht werden zu können.
 
Dennoch, mehr unternehmerischer Mut und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen und unorthodoxe Dinge auszuprobieren, würden oftmals gut tun und festgefahrene Situationen wieder in Bewegung bringen. Ziel und Richtung einer solchen "Change-Reise" lassen sich nämlich ganz europa-like systematisch erarbeiten und planen und ihnen damit wenigstens einen grossen Teil ihres Risikos nehmen.
 
Urs Prantl (52) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer in der Branche. Seit Ende 2011 unterstützt er IT- und Softwarefirmen bei ihrer strategischen Ausrichtung mit Hilfe einer Alleinstellungspositionierung. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.