Prantl behauptet: Das Frankenproblem lässt sich nicht mit Pflästerlipolitik lösen

Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank beschäftigt auch unseren Kolumnisten Urs Prantl.
 
"Ein Schock geht um die Welt", titeln aktuell die Zeitungen. Für einmal liegt mir daher ein IT-unabhängiges Thema auf dem Herzen, konkret die massive Aufwertung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro und die damit verbundene Hysterie und Berichterstattung der letzten Tage. Im Jahr 2011, als sich der Euro zum Franken schon einmal in Richtung Parität bewegte, hatte mich die Währungssituation bereits intensiv beschäftigt. War ich damals doch als CFO einer Schweizer Softwarefirma mit Euro-Umsatzanteil von nahezu sechzig Prozent massiv davon betroffen. Mein Euro-Umsatzanteil heute liegt glücklicherweise tief und übt damit keine existentielle Gefährdung aus. Dennoch, intensiv beschäftigen tut mich das Thema immer noch. Insbesondere, weil sich die Wirtschaftsexperten und Politiker momentan eher mit kurzfristig wirksamen Tipps und Ratschlägen an die Adresse der Unternehmen in diesem Land wieder einmal gegenseitig überbieten.
 
Die Unternehmen in der Schweiz (davon sind 99 Prozent KMU) hätten dreieinhalb Jahre Zeit gehabt, sich anzupassen und auf einen noch tieferen Kurs einzustellen. Eine Aussage, die man – insbesondere von einigen Politikern – in den letzten Tagen oft gehört hat. Die dazu gehörigen Schlagworte sind Kostensenkung und Effizienzsteigerung. Einverstanden, da liess sich mit Sicherheit einiges tun, auch wenn diese Massnahmen innert dreier Jahre nicht ins Unendliche gesteigert werden können. Kommt hinzu, dass diese Feststellung der gedankliche Hintergrund eines Wirtschaftsverständnisses ist, welches kritiklos einen Eins-zu-eins-Zusammenhang zwischen Wohlstand und Wirtschaftswachstum im Sinne von "Quantität vor Qualität"herstellt. Und allein schon das ist meiner Meinung nach mehr als fraglich. In KMUs ist allerdings der Spielraum für Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen oftmals recht begrenzt.
 
Die zweite Stossrichtung in Sachen guter Tipps geht in Richtung Preissenkungen auf breiter Front. Vor allem bei Produkten aus dem Euro-Ausland sollte nun endlich der Hochpreisinsel Schweiz der Garaus gemacht werden, damit auch KMUs günstiger einkaufen können. Damit bin ich völlig einverstanden, sind es in der Praxis doch häufig nur ganz wenige, die sich seit Jahrzehnten am oft nicht gerechtfertigten Schweiz-Zuschlag dumm und dämlich verdienen. Damit diese Rechnung aber am Schluss aufgeht, müsste konsequenterweise irgendwann auch der Preis der Arbeit (also unsere Löhne) gesenkt werden. Das wäre im Prinzip ja auch kein Problem, könnten wir uns mit weniger Lohn bei allgemein tieferen Preisen unter dem Strich immer noch gleich viel leisten wie vorher. Wenn ich den '10vor10'-Beitrag vergangener Woche richtig verstehe, dann nennt man das in der Ökonomie dann Deflation. Das soll ohnehin etwas ganz, ganz Übles sein (im Hintergrund war ein schwarzes Gespenst zu sehen) und könnte in einer Depression enden. Doch, wer will das schon?
 
Am wenigsten hilfreich finde ich den Vorschlag, Firmen sollten sich neue Absatzmärkte erschliessen. Da der Euro-Frankenkurs gerade jetzt bei rund 1:1 liegt und sich, so wie es aussieht, kurzfristig nicht zum Besseren hin verändern wird, müsste das nämlich sehr, sehr rasch passieren. Doch erstens, wie soll das praktisch geschehen? So quasi über Nacht neue Märkte erschliessen würde ja bedeuten, neue Kunden in neuen Ländern (ausserhalb der Eurozone) zu gewinnen. Und das, wo doch die Neukundengewinnung schon in den uns bestens bekannten Märkten immer mehr zur Herkulesaufgabe wird und sich aufgrund des zunehmenden Konkurrenzdrucks zunehmend zum Engpass Nummer eins in den meisten KMU entwickelt hat. Glauben wir denn allen Ernstes, dass anderswo auf der Welt die Kunden nur auf unsere Produkte und Dienstleistungen warten?
 
Und zweitens folgt einer Ausrichtung auf neue Märkte (ich betone nochmals, ausserhalb der Eurozone!) unweigerlich eine brutale Verzettelung der Kräfte, was bereits mittelfristig zu einer klaren Schwächung der langjährig aufgebauten strategischen Position führen würde. Hat ein Unternehmen aber aufgrund der höchsten Kostenstruktur auch die höchsten Preise im Markt, dann ist es auf Wettbewerbsfähigkeit und vielmehr auf strategische Vorteile dringend angewiesen. Die baut man aber nur durch Konzentration der Kräfte auf und mit Sicherheit nicht durch Verteilung der ohnehin schon knappen Unternehmensressourcen (siehe oben "Kostensenkungen") mit der Giesskanne.
 
Einmal mehr liegt für KMU die Anpassungsleistung auf die neue Situation in einer Verbesserung der Wirksamkeit der Marktpositionierung, der Erhöhung der eigenen Durchschlagskraft im Markt und damit verbunden einer weiteren Steigerung der Problemlösungsfähigkeit gegenüber Kundenproblemen, und das auch in der IT-Branche. Die dazu notwendigen Tools finden sich übrigens nicht in der klassischen BWL, sondern sie liegen bei der Suche nach einer sichtbaren Unterscheidung von Mittbewerbern (Stichwort USP) und der kontinuierlichen Verbesserung des Nutzens von Kundengruppen, die man heute schon bedient und damit bereits bestens kennt. Oder anders ausgedrückt: Die Lösung liegt für das Gros der KMU auf bekanntem und nicht auf unbekanntem Terrain.
 
Urs Prantl (52) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer in der Branche. Seit Ende 2011 unterstützt er IT- und Softwarefirmen bei ihrer strategischen Ausrichtung mit Hilfe einer Alleinstellungspositionierung. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.