Prantl behauptet: Unternehmer müssen vor allem unterlassen können

Warum Unternehmer nicht immer dringend etwas "unternehmen" müssen, schreibt Kolumnist Urs Prantl.
 
Wer kennt sie nicht, die ultimative Definition eines Unternehmers: "Unternehmer sind Menschen, die etwas unternehmen, anstatt es zu unterlassen." Oder in der Kurzform: "Unternehmen statt unterlassen."
 
Ich muss zugeben, das klingt einleuchtend. So einleuchtend, dass es sogar ein Buch mit diesem Titel gibt. In der Praxis stelle ich jedoch fast täglich fest, dass viele Unternehmer diesen "Ratschlag" deutlich zu wörtlich nehmen. Sie erzeugen in ihrem Unternehmen eine operative Hektik, die den Blick für das Wesentliche komplett vernebelt. Fast immer mit dem Ergebnis, dass zwar sehr, sehr viel unternommen, aber kaum Wirkung damit erzielt wird. Oder sogar im Gegenteil, die gewünschte Wirkung wird ausgebremst. Ich denke da beispielsweise an das typische Verhalten vieler Unternehmen, wenn es ums Marketing geht. Entweder man macht gar nichts (im besten Fall hat man noch eine Website, auch wenn sie seit Jahren nicht mehr aktualisiert wurde) oder dann macht man alles – und zwar auf einmal. Oder folgende Konstellation, welcher ich nach der originären Entwicklung einer neuen Positionierung für das Unternehmen oft begegne. Grosse Euphorie über den neu entwickelten Weg, spannende Perspektiven und höchste Motivation und Ungeduld, endlich loszulegen. Sofort werden Teams gebildet, unzählige Umsetzungsprojekte ins Leben gerufen, externe Spezialisten für dies und das evaluiert und versucht, die eigene Unternehmenswelt in no time zu verändern. Ich kenne keinen Fall, bei dem das praktisch funktioniert hätte. Bloss, woran liegt das?
 
Es liegt unter anderem daran, dass wir alle – ich nehme mich davon nicht aus – regelmässig in die Falle tappen zu glauben, wir könnten in kurzer Zeit extrem viel verändern. Der Zukunftsmanager Pero Micic - er hielt am letzten CNO-Panel in Bern einen eindrücklichen Vortrag zu diesem Thema - nennt es die "Kurzfristfalle". Die andere Seite der Medaille: Regelmässig unterschätzen wir, was langfristig verändert werden kann. Die beiden wichtigsten Treiber für unser Tappen in die Kurzfristfalle kennen wir natürlich auch. Es eilt (aus welchen Gründen auch immer) oder wir sind zu ungeduldig, also müssen wir dringend etwas "unternehmen". Und, um ganz sicher zu gehen, unternehmen wir am besten gleich alles gleichzeitig. Doch beides hemmt die Wirksamkeit ungemein. Was ist also zu tun?
 
Die Antwort ist im Prinzip einfach, sie liegt im "Wundermittel" der Fokussierung beziehungsweise in der Konzentration auf Weniges, richtigerweise auf das wenige "Richtige". Zur Anschauung bringe ich häufig das Bild eines Vergrösserungsglases, mit welchem man bei normalem Sonnenschein rasch ein Loch in ein Blatt Papier brennen kann. Wir haben alle als Kinder diesen "Trick" ausprobiert. Versuchen Sie aber einmal ein Blatt Papier zum Brennen zu bringen, indem Sie es einfach so in die Sonne legen, es wird - ausser vielleicht in der Sahara - nicht funktionieren.
 
Der renommierte Führungskräftecoach Ed Batista geht in der neuesten Ausgabe des Harvard Business Manager sogar noch einen - wie ich finde richtigen - Schritt weiter, wenn er postuliert: "im Ignorieren liegt die Kraft". Denn, sich zu fokussieren, also auf Weniges zu konzentrieren, ist, wenn alles auf uns einprasselt und alle etwas von uns haben und wissen wollen, alles andere als einfach. Mit einem entsprechenden "Notfallplan", wie es Batista ausdrückt, wird es deutlich einfacher. Definieren Sie sich eine ganz persönliche Schwelle von äusseren Ereignissen, die Sie künftig schlicht und einfach ignorieren wollen. Achtung! Gar nicht anschauen, sondern einfach nicht beachten, löschen, wegschauen. Idealerweise übertragen Sie das auch noch auf Ihr Unternehmen und sowohl Sie persönlich wie auch Ihre Firma werden künftig um Längen wirksamer und damit erfolgreicher. Selbstverständlich nur dann, wenn Sie sich auch auf das Richtige konzentrieren, aber davon gehen wir selbstverständlich aus.
 
In diesem Sinne schlage ich eine neue Definition für den Unternehmer vor: "Unternehmer sind Menschen, die etwas (Positives) bewirken". In der Kurzform müsste es dann heissen: "Bewirken statt verzetteln" - und zwar mit Hilfe von, wie wir gelernt haben, Fokussieren und Ignorieren. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (51) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer in der Branche. Seit Ende 2011 unterstützt er IT- und Softwarefirmen bei ihrer strategischen Ausrichtung mit Hilfe einer Alleinstellungspositionierung. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.