Und hier noch unsere Freitagabend-Nachricht.
Es ist die hehre Pflicht des diensthabenden Redaktors, Medienmitteilungen, Verlautbarungen, PR-Texte und unbestellt zugesandte Analysen, deren Sinn und Zweck sich nicht in den ersten vier Sekunden nach Doppelklick offenbart, unbarmherzig in den Orkus des Redaktionspapierkorbs zu schicken. Und wer von Medienveranstaltungen berichtet, muss - ähnlich wie es der Walfisch mit dem Krill macht - die Wahrheit aus den langen Reden herausfiltern. Manchmal tut das weh, denn wer ignoriert schon gerne schöne Sätze?
"Man kann durchaus offen sein, wenn eine anorganische Möglichkeit sich ergeben würde, würden wir da hineinschauen," sagte etwa ein bekannter Manager eines Schweizer Telcos an einer Pressekonferenz. Sein COO setzte einen drauf:
"Es ist eine Evaluierung, die auch existent ist." Boaaah! Man müsste die beiden koppeln:
"Es ist eine Evaluierung und wir würden da auch hineinschauen, ob eine anorganische Möglichkeit existent ist." Momoll: Knüppelhart, stringent und glaskar.
Diesen Satz zu löschen, brachten wir fast nicht übers Herz:
"Business-Discovery-Anbieter baut Portfolio im Bereich Metadaten-Intelligence aus und erreicht damit Optimierungen im Bereich Data Governance." Welch Eleganz der Mischung von Englisch und Deutsch, welch subtile Betonung der Überlegenheit von - äh, jaaaa, hm, also ja, eben einfach der Metadaten-Intelligence, oder? Ist doch völlig klar!
Nachfolgendes ist zwar nicht wirklich schön, dafür aber fast schon journalistisch-raffiniert, denn den Trick, einen mässig interessanten Inhalt mit ein bisschen "Krieg" aufzupeppen, setzen auch wir gerne ein:
"Während der Krieg der Prämiummarken auf dem Subwoofer-Markt im Bereich der 40-50 US-Dollar-Marke geführt wird, hat sich Sandberg entschieden, den Rest mit einem wahren 2.1-Subwoofer-System für 25 US-Dollar zu unterbieten und hat somit den Krieg auf Nichtmarkenprodukte und Eigenmarken ausgeweitet." Warum so bescheiden und zurückhaltend? Das hätte man doch etwas attraktiver schreiben können, liebe Firma Sandberg aus dem schönen Birkerød:
"Während der Krieg der Prämiummarken blutig auf den asiatischen Schlachtfeldern tobt und so mancher Subwoofer mit zerfetzten Eingeweiden in den 40-Dollar-Schützengräben liegen blieb, eröffnet Sandberg nun mit dem massenhaften Einsatz von 2.1-Subwoofer-Stalinorgeln eine neue 25-Dollar-Front. Tod den verräterischen Nichtmarkenprodukten. Nur eine tote Prämiummarke ist eine gute Prämiummarke!"
Froh sind wir, wenn die PR-Schaffenden von Anfang an zugeben, dass sie uns Unverständliches senden, und Aufklärung anbieten:
"Die Jugendlichen kümmern sich proaktiv um ihre Zukunft. Dazu findet der erste Nationale "STUP"-Tag, in Form eines Flashmobs, statt. Gerne laden wir Sie zu diesem Flashmob ein. … Gerne gibt er Ihnen weitere Auskunft betr. Thema, Sinn und Zweck dieses Flashmobs." Leider, liebe PR-Firma, sind wir mit Nachdenken über die Frage nach dem Sinn und Zweck des Begriffs
"proaktiv" beschäftigt (von der Frage nach der Bedeutung des Modeworts ganz zu schweigen) und sehen uns deshalb nicht in der Lage, uns mit dem "STUP"-Tag und der Frage, seit wann Flashmobs PR-Firmen anheuern können und ob sie dann noch Flashmobs seien, auseinandersetzen zu können.
Und wenn der Trick mit Krieg nicht geht, so sollte man wenigstens ein bisschen Sterben einbauen, oder?
"Email-Sterben: Ohne Hand und Fuß" titelte eine PR-Firma aus Frankfurt. Wir wussten zwar nicht, dass Sterben Hand und Fuß haben kann, doch wissen wir mit Sicherheit, dass wir keine Witze über Sterben, Ableben oder Untergang im Zusammenhang mit dem Auftraggeber der Pressemitteilung machen dürfen.
"Die Email wird schon deshalb nicht so schnell verschwinden, weil es bislang kein alternatives Tool gibt, das sich vergleichbar in bestehende Compliance-Prozesse integrieren lässt", heisst es nämlich im
"NOVELL Marktkommentar". Keine Witze jetzt! (Christoph Hugenschmidt)
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