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Donnerstag, 17.11.2011
Exklusiv! BIT wirft GEVER Office raus

"Weiterentwicklung von GEVER Office wirtschaftlich nicht vertretbar." Bundesamt für Informatik stoppt die Entwicklung einer eigenen Lösung für papierlose Bundesverwaltung auf Basis von Microsoft SharePoint.
 
Rückschlag für Microsoft: Das Bundesamt für Informatik (BIT) gibt die Entwicklung von GEVER Office auf. Dies schreibt der neue BIT-Chef Giovanni Conti heute in einem Mail an die "OXBA-Community". GEVER steht für elektronische Geschäftsverwaltung, also Lösungen und Prozessdefinitionen, mit denen man eine papierlos arbeitende Behörde aufbauen kann. OXBA ist ein Rahmenwerk, mit dem Behörden selbst GEVER-Lösungen erarbeiten können.
 
Dass das BIT GEVER Office aufgeben muss, ist eine Niederlage sowohl für Microsoft wie auch für das Bundesamt. Denn seit 2007 postuliert das BIT Microsoft SharePoint als Basis für den Bau einer Lösung für Geschäftsverwaltung und noch vor einem Jahr wurde GEVER Office vom Bund als zweiter Standard neben der teuren und komplexen Software der österreichischen Fabasoft anerkannt.
 
Ausschreibung nach WTO
Das Finanzdepartement werde für die internen Bedürfnisse der Verwaltung im Rahmen einer Ausschreibung nach WTO-Regeln eine alternative GEVER-Lösung im Markt suchen, so BIT-Sprecher Claudio Frigerio zu inside-it.ch. Frigerio betont, dass die Entwicklung von GEVER Office "durchaus sinnvoll" gewesen sei, da das Produkt den "Markt dynamisiert und für die gewünschte Wettbewerbswirkung gesorgt" habe.
 
Tatsächlich hatte Fabasoft vor dem Eintritt des Duos BIT-Microsoft in den Markt eine Art Monopolstellung in der Bundesverwaltung, während Kantone und Gemeinden zum Teil auf einfachere Lösungen setzen.
 
Weiterentwicklung zu teuer
Das BIT versucht, den GEVER-Flop in möglichst günstiges Licht zu rücken. So schreibt Conti, wichtige Projekte "wie zum Beispiel die Amtshilfeverfahren der Eidg. Steuerverwaltung ESTV" (im Fall UBS - Red.) sei mit GEVER Office "zeitnah" realisiert worden. "GEVER Office hat gute Dienste geleistet."
 
Allerdings nicht gut genug, denn die Weiterentwicklung des Projekts würde zu teuer kommen. Conti im Mail: "Wir mussten in einer detaillierten Untersuchung festellen, dass die Weiterentwicklung von GEVER Office wirtschaftlich nicht vertretbar ist." Allzu weit ist man mit GEVER Office offenbar nicht gekommen. Wie Frigerio sagt, standen nun ein Architekturumbau zur Bewältigung grösserer Kapazitäten, eine optimierte Benutzerführung einschliesslich der verbesserten Mehrsprachigkeit sowie Sicherheitsaspekte zur Verwaltung von vertraulichen Dokumenten - also der Einbau von detaillierten Zugriffsberechtigungen - auf der Traktandenliste.
 
Kosten unbkannt, Prestige-Verlust gewiss
Die Entwicklung von GEVER Office und OXBA - ein Framework, mit dem andere Behörden selbst GEVER-Lösungen bauen können - könne "als kostendeckend" betrachtet werden, so Frigerio. Die bisher angelaufenen Entwicklungskosten belaufen sich laut Frigerio auf 7,5 Millionen Franken. Der kumulierte Nutzen bestehe aus "dem für andere Anbieter entstandenen Marktdruck und dem produktiven Vorteil des Tools in der Verwaltung". Frigerio: "GEVER Office war konkurrenzfähig."
 
Die Kosten des BIT sind allerdings nur eine winzige Spitze des Eisbergs, denn GEVER-Projekte führen vor allem zu sehr grossen Aufwänden bei den betroffenen Behörden und auch die Evaluation einer neuen Alternative zu Fabasoft ist nicht gratis.
 
Wie viel Geld die Übung mit GEVER Office in der ganzen Bundesverwaltung tatsächlich gekostet hat, bleibt somit unklar. Wenig wird es aber nicht sein, denn wenn nun einzelne Bundesbehörden - dem Vernehmen nach hatte auch das EDA ein GEVER-Projekt - Pilotprojekte mit GEVER Office abbrechen und mit einer anderen Software neu beginnen müssen, so entstehen schwer quantifizierbare aber sicher nicht geringe Kosten. Wieviel das Monsterprojekt des Bundesrats, die ganze Bundesverwaltung nur noch elektronisch arbeiten zu lassen, zum Schluss kosten wird, ist unbekannt. Wir haben die Gesamtkosten im Januar 2008 auf vielleicht 270 Millionen Franken geschätzt.
 
Und wenn auch die Bundesverwaltung mit GEVER Office nicht allzu viel Geld verloren hat, so verliert das Tandem BIT-Microsoft doch ein kostbares Gut: Prestige. (Christoph Hugenschmidt)
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