Gemeindesoftware: Erhöhte Tonlage im Aargau

Ein Artikel in 'Der Sonntag' löst ein Schreiben des IT-Beraters Publis an alle Aargauer Gemeinden aus. Dieses wiederum stösst auf harschen Widerspruch aus Schlieren...
 
Vorletzten Sonntag brachte 'Der Sonntag' eine kleine Geschichte über die Aargauer IT-Beraterfirma Publis. Publis gehört 67 Aargauer Gemeinden und unterstützt seine Kunden bei der Organisationsentwicklung und in Informatikfragen. Publis selbst bezieht alle Dienstleistungen im Mandat von der Firma Strub & Partner GmbH, deren Gründer und Geschäftsführer, Gérald Strub, auch Geschäftsführer von Publis ist.
 
'Der Sonntag' kritisiert, dass der Auftrag von Publis an Strub & Partner "nie offiziell kommuniziert" worden sei, lässt aber auch - journalistisch korrekt - Publis-Verwaltungsrat Peter Walz ausführlich zu Wort kommen. "Die Gemeinden wurden damals über die Auftragsvergabe informiert. Gemeinden, die mit Publis reden, wissen um das Mandatsverhältnis," so Gérald Strub zu inside-it.ch.
 
Software-Hersteller gegen Strub?
Publis-Geschäftsführer Strub ist zudem auch im Verein SSGI (Schweizerschen Stadt- und Gemeindeinformatik) als Vizepräsident aktiv. In jenem Verein also, der eine neue Gemeindelösung ausgeschrieben hat und vor einem Jahr einen da und dort heftig kritisierten Vergabe-Entscheid gefällt hat.
 
In besagtem Artikel werden nun Reto Schaffner vom NEST-Partner OBT, Hans Hürlimann von Hürlimann Informatik und Marcel Reich von Ruf Informatik zitiert, die kritisieren, dass das Mandatsverhältnis zwischen Publis und Strub & Partner nicht bekannt sei. "Die Gemeinden sollten wissen, dass hier zum Teil mit falschen Karten gespielt wird", zitiert die Zeitung etwa OBT-Mann Schaffner.
 
Pikant: Sowohl OBT, Hürlimann wie auch Ruf wurden beim Vergabeentscheid der SSGI nicht berücksichtigt, ja OBT-Partner NEST / Abacus wie auch Ruf Informatik hatten sogar aus Protest gegen die Bedingungen auf ein Angebot verzichtet.
 
Die etwas knackig formulierte Kritik an Publis ist im Aargau gar nicht gut angekommen. "Man könnte meinen, dass dieser Artikel auf meine Person zielt", sagt etwa Strub, der nicht nur Geschäftsführer von Publis, sondern auch Gemeindepräsident von Boniswil ist.
 
Publis schlägt zurück
Obwohl Publis im 'Der Sonntag' durchaus zu Wort kam, verschickte die Firma ihrerseits am 10. August ein vierseitiges Schreiben an alle Aargauer Gemeinden, das es in sich hat: "Der Verwaltungsrat bedauert sehr, dass Gérald Strub Opfer dieser AZ-Kampagne geworden ist", heisst es im letzten Abschnitt. Brisanter sind allerdings andere Aussagen, etwa über Ruf Informatik: "Bemerkenswert ist, dass Ruf in den letzten 6 Monaten in der Schweiz rund 60 GeSoft-Kunden (kommunale und kantonale Verwaltungen) verloren hat." Und weiter unten heisst es pauschal: "Leider haben es die Anbieter verpasst, sich fit für die Zukunft zu machen."
 
Der Publis-Verwaltungsratspäsident und Gemeindeammann von Hirschthal, Peter Stadler, sagte auf unsere Frage, warum die Firma mit so harten Aussagen an alle Aargauer Gemeinden, viele von ihnen Kunden von Ruf, OBT oder Hürlimann, gelangt sei: "Wir mussten davon ausgehen, dass die AZ (Aargauer Zeitung) diese Story auf Anstoss der genannten Firmen verfasst hat. Da mussten wir uns wehren, das sind wir unseren Mitgliedsgemeinden schuldig."
 
Ruf: Keine einzige Gemeinde im Aargau verloren
Gegen die Aussagen im Schreiben von Publis wehrt sich nun wiederum Ruf Informatik. Seine Firma habe nie und nimmer 60 Gemeinden und Kantonsverwaltungen als GeSoft-Anwender verloren, weder in den letzten sechs noch 18 Monaten, sagt Ruf-Verkaufsleiter Roland Michel. Richtig sei, dass 18 Gemeinden in Nid- und Obwalden nun auf die neue, vom SSGI ausgewählte Lösung newsystem® public migrierten. Im Kanton Schaffhausen hätten zwei Gemeinden eine andere Lösung ausgewählt und im Kanton Appenzell stünden Evaluationsentscheide an. Im Kanton Aargau habe sich hingegen keine einzige Gemeinde neu für die auf Microsoft NAV aufgebaute Lösung entschieden. "Vielleicht ist das der Grund für die Aufregung," so Michel maliziös.
 
Im Appenzell ist unterdessen der Entscheid gefallen. Und zwar hat sich das Ausserrhoder Rechenzentrum AR-Net definitiv für newsystem® public entschieden, sagt Strub. Ausserdem haben sich gemäss der Innerschweizer Interessengemeinschaft Gemeindeinformatik bisher 13 Luzerner Gemeinden für die auf Microsoft NAV aufbauende Lösung entschieden.
 
Dass sich bisher keine Aargauer Gemeinde für die von der SSGI evaluierte Lösung entschieden hat, beunruhige Publis keineswegs, denn die Firma agiere neutral, schreibt uns Strub in einem E-Mail.
 
Wie modern ist newsystem® public?
Gemäss Ruf-Verkaufsleiter Michel gibt es genau zwei Anbieter in der Schweiz, die HRM2 (Harmonisiertes Rechnungsmodell für Kantone und Gemeinden) in ihrer Software abbilden könnten: Abacus / NEST und Ruf. Zudem ist GeSoft von Ruf im Kanton Aargau gemäss Paragraf 17 RMV zertifiziert, während bei newsystem® public noch nicht mal die kantonale Pilotphase terminiert ist, wie man der Webseite des Kantons entnehmen kann. Diese Beispiele zeigten, dass Ruf keinesfalls "nicht fit für die Zukunft" sei, so Michel.
 
Gemäss Strub wurde die Pilotphase für die Zertifizierung von newsystem® public im Kanton Aargau hingegen unterdesssen gestartet, ist aber auf der Webseite des Kantons noch nicht aufgelistet. Zudem würden die Gemeinden in Nid- und Obwalden, die mit der SSGI-Lösung arbeiten, ab 1.12.2012 mit der Buchhaltung nach HRM2 starten.
 
Nervenflattern
Der Bericht in 'Der Sonntag' erscheint dem Leser aus Zürich recht harmlos und ausgewogen und doch hat er eine geharnischte Reaktion der Publis-Verwaltungsräte ausgelöst. Dies ist umso erstaunlicher, als Publis selbst mit Gegnern nicht zimperlich umgeht und beispielsweise den etablierten Anbietern zu viel Macht vorwirft.
 
So heisst es im Geschäftsbericht von 2010 auf Seite 5 in Sachen der von Anbietern kritisierten Software-Ausschreibung des Vereins SSGI "Die gemeinsame Ausschreibung hat die folgenden Zielsetzungen erreicht:
… - Belebung des Markts und Aufbrechen von "Monopolen" und Senken der Markteintrittsschwelle für neue Anbieter."
 
Wir können uns einen Kalauer nicht verkneifen: "Wie man in den Wald RUFT, so OBTet es zurück." (Christoph Hugenschmidt)
 
(Interessenbindung: Einige der genannten Firmen sind Werbekunden unseres Verlags.)